The Lagonda Tales

Die „Lagonda Tales“

sind als Gutenachtgeschichten für meinen Sohn Neo entstanden. Meine Frau Dorit gab den Anstoß, diese aufzuschreiben. Gemischt sind hier diverse wahre Reisen, Vorlieben und Begegnungen aus meinem Leben mit phantastischen Elementen. Bisher sind etwa 20 Lagonda Tales entstanden, die nun nach und nach aufgeschrieben und veröffentlicht werden.

1. Marrakesch


Es ist ein windiger Morgen, als wir mit dem Schiff in Casablanca einlaufen. Neo hat seine Barbour-Jacke fest zugemacht und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, um den Sand in der Luft abzuhalten. Er setzt den alten Lederrucksack auf die Schultern und marschiert mit seinen 4 Jahren extrem behende voraus die stegartige Holzplanke hinunter. Ich nehme unseren verbeulten Rimowa in die Rechte und den Regenschirm in die Linke und folge ihm.

Minuten später stehen wir an einem palmenumsäumten Platz mit einem kleinen Cafe in der Mitte. Wir setzen uns auf einen weichen Ledermuff unter die flatternde Zeltplane. Neo bestellt einen frischen Pfefferminztee, ich einen arabischen Kaffee. Der nette Ober bringt uns dazu noch etwas selbstgemachtes Gebäck, eine Art Baklava, mit Zuckersirup übergossen. Wir essen die vier Stückchen in Windeseile auf, Neo pickt noch die letzten drei Pistazien auf, wischt sich die Finger an einer frühlingsgrünen Serviette ab und meint:

„Papa, fahren wir heute in die Wüste und suchen eine Karawane mit Kamelen? Das können wir sehr gerne machen“, meine ich, „wir müssen uns aber vorher ein Auto kaufen. Okay, lass uns gleich gehen und dann suchen wir uns eins aus“, meint Neo. Ich bezahle und der freundliche Ober verneigt sich tief. Ich habe ihm etwas Trinkgeld gegeben und er hat mir gesagt, wo man gute gebrauchte Autos kaufen kann.

In der Straße Elm al Djebbahh sind die Häuser ganz nieder geduckt und vor jedem stehen die verschiedensten gebrauchten Autos. Unser Händler ist in der Nummer 113. Er hat vor allem Landrover und Mercedes. „Kaufen wir einen Landrover?“ fragt Neo. „Lass uns erst einmal hinein gehen“, meine ich. Innen im Verkaufsraum stehen die Autos dicht an dicht, es riecht nach altem Motoröl und neben dem abgewetzten Kassiertisch aus Holz steht ein gigantisches Auto unter einer verfleckten, sandfarbenen Plane. Der Verkäufer, ein kleiner brauner Mann mit Schnurrbart und rotem Fez kommt herein und ich frage ihn nach dem obligatorischen „Salem Aleikum. Was ist das für ein Auto unter der Plane? Ach der“, meint der Autohändler. „Eine uralte Kiste, die keiner haben will. Ich gebe ihn für einen guten Preis!“ Er zieht die Plane weg und darunter kommt ein riesiger Lagonda aus den 30-er Jahren zum Vorschein. Vor vielen Jahren war er einmal hellblau metallic, aber der dicke Staub lässt ihn fahlgrau erscheinen.

Neo hüpft um den Lagonda herum und setzt sich auf den Beifahrersitz, alles innen ist cognacfarbenes Leder. „I make you a good price. 200 Dollar, if you want to buy it. It runs well”. Neo und ich schauen uns an und er nickt heftig. „Okay, we will take it, if it gets cleaned a little bit, before we go for a test ride. But for sure!” sagt der Händler. Wir sollen am Mittag wieder kommen.

Die großen Räder der schweren Reiselimousine federn die brutalen Schlaglöcher der Wüstenpiste fast unmerklich weg. Der große V8 brummt gleichmäßig und kraftvoll unter der endlosen Haube. Neo hängt lässig am halbgeöffneten Fenster, während ich fahre. Endlose Weite der Wüste. Nichts zu sehen außer Sand und blauem Himmel. Unser Ziel ist Marrakesch. Am Abend wollen wir da sein. Am frühen Nachmittag taucht in der Ferne eine einsame Tankstelle auf. Sie ist von Dattelpalmen umstanden und das Schild TAMOIL ist auf einer Seite nicht mehr fest, schwingt im Wind. Wir biegen in die Einfahrt und ich fülle ganz auf.

Als wir bezahlen wollen, kommt ein weißer Mercedes SSK in perfektem Zustand tuckernd auf die Tankstelle gerollt. Der Motor läuft unrund und hat immer wieder Fehlzündungen im Leerlauf. Ich gehe zum Besitzer des Wagens, ein Gentleman gekleidet in hellem Leinenanzug. „Der Luftfilter Ihres Wagens ist mit Sand zugesetzt. Lassen Sie ihn ausblasen und der SSK läuft wieder wie neu.“ Der Herr schaut mich neugierig und etwas verständnislos an und raunt etwas zum Tankwart. Der holt Pressluft, demontier den Filter und bläst ihn sorgfältig durch. Wieder zusammengebaut schnurrt der SSK wie eine mächtige Raubkatze.

„Gestatten Sie, ich bin der Maharadscha von Dreedschibud. Ich würde mich glücklich schätzen, Sie und Ihren Sohn für die Nacht als meine Gäste zu betrachten“. Neo und ich beratschlagen kurz. Und da der Maharadscha nett zu sein scheint und es nach Marrakesch heute sowieso zu weit ist, kommen wir mit. Der Lagonda folgt dem weißen SSK eine Palmenallee entlang, die zu einem schneeweißen Palast mit drei großen Türmen führt. Die beiden altehrwürdigen Automobile halten auf einer großen Fläche von feinem, weißen Kies.

Zwei arabisch gekleidete Frauen kommen die breite Eingangstreppe hinunter und begrüßen uns scheu. „Das sind meine beiden Schwestern, Aylin und Rewathi“, sagt der Maharadscha. Die beiden führen uns in einen kühlen Innenhof, in dem ein Springbrünnlein plätschert. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten versteht sich Neo mit den beiden jungen Frauen, die zwei außerordentliche Schönheiten sind, prächtig. Sie zeigen ihm die quirligen Zierfische, die im Grunde des Springbrunnens wohnen, während der Maharadscha und ich eine Wasserpfeife mit Tabak aus getrockneten Pflaumen rauchen; ein herrlicher süßer Duft.

Plötzlich beugt der Maharadscha sich zu mir, gibt mir die Hand und sagt in akzentfreiem Deutsch: „Ich heiße Mohammed. Freut mich sehr!“, sage ich, „Martin. Vor einigen Jahren hatten wir in Gröbenzell bei München einen sehr feinen Mieter aus dem Iran im Hinterhaus wohnen. Er hieß auch Mohammed und lebt nun wieder dort. Wir haben immer noch Kontakt“. So unterhalten wir uns noch eine Weile. Auch die Frauen und Neo haben sich auf weichen Divanen dazugesellt. Für Neo und sich haben Sie hauchdünne Spitzendecken mitgebracht, die bedecken, ohne das Gefühl von Wärme in der afrikanischen Hitze zu verbreiten. Jetzt setzt bei uns allen die nachmittägliche Schläfrigkeit ein. Schatten werden länger, die Sonne sinkt. Alle fallen wir nach und nach in einen leichten Schlaf, begleitet vom Klingen winziger Glasglöckchen, die der Wind amelodisch zum Schwingen bringt.


23/2/16 Martin Mangold, Gröbenzell


2. Der Sandsturm

Es ist ein strahlender Morgen, als Neo und ich im Palast des Maharadschas aufwachen. Nachdem wir im Bett einen gemütlichen Early Morning Tea mit einem Ginger Nut ausgiebig genossen haben, treffen wir uns im Frühstücksraum. Der Maharadscha, seine Schwestern Aylin und Rewathi, Neo und ich. Es gibt dunkle, süße Kuchen, dazu arabischen Kaffee und frischgepressten Orangensaft. Wir plaudern ein wenig über das Wetter und tauschen diverse freundliche Belanglosigkeiten aus, bevor wir uns auf den Weg machen. Denn heute geht es nach Marrakesch. Nachdem wir uns alle noch mit frischen Datteln gestärkt haben, verabschieden wir uns von Mohammed und seinen beiden schönen Schwestern. Wir versprechen, uns möglichst bald wieder zu sehen. Am Ende der Auffahrt halten wir noch einmal an, lassen das laute Lagonda-Horn mehrmals erklingen und winken zu beiden Seiten hinaus. Dann drücke ich das Gaspedal und wir schießen wie ein hellblauer Blitz in die Wüste. Schnell werden die Palmen und Zinnen im Rückspiegel kleiner und gehen dann im Geflimmer der morgendlichen, aufkommenden Hitze unter.

Wir fahren in die unendliche Weite der Wüste und bald ist um uns nur noch Sand und blauer Himmel. Wir sind etwa eine Stunde Sandpiste gefahren, als sich auf einmal in Richtung Marrakesch graue Wolkenberge wie ein überdimensionaler Blumenkohl aus dem Nichts heraus auftürmen und rasend schnell näherkommen. Neo sieht es zuerst und ruft: „ Papa, schau mal! Was ist denn das?“ „Ja, das habe ich auch schon gesehen“, meine ich. „Weißt Du, was das ist? Ein Sandsturm. Und er kommt mit großer Geschwindigkeit auf uns zu. Wir müssen dringend Schutz suchen.“ Nach einigen Kilometern taucht am Rande der Wüstenpiste ein leicht verfallenes Holzhäuschen auf, was wohl einmal eine Bushaltestelle war, die wohl wegen der hohen Gefahr von Sandstürmen in dieser Gegend auch eine Türe besitzt. Es fehlen zwei Bretter, aber sonst ist sie intakt. Wir parken den Lagonda schnell dahinter, springen in Windeseile hinaus, stopfen schnellstmöglich mit zwei Autodecken die Löcher des fehlenden Holzes und stellen in die Mitte des Raumes unseren alten Picknickkoffer.

In diesem Moment fängt der Sandsturm das Wüten an. Er reißt am Häuschen und rieselt durch jede Ritze, während der Wind tost. Aber Neo und ich sind in Sicherheit. Die Bretter ächzen und der ganze Boden vibriert, so heftig sind die Windstöße. Doch es ist richtig kuschelig hier in unserer kleinen Behausung. Auf unseren reiseerprobten Holzklapphockern mit verkreuzten Beinen hockend trinken wir erst einmal eine Tasse Typhoo-Tee und essen Shortbread dazu. Wir unterhalten uns darüber, was uns bis jetzt an Marokko am besten gefallen hat und auf einmal meint Neo: „Papa, sag mal, Maharadschas gibt es doch eigentlich nur in Indien, oder?“ Und dann erzähle ich Neo die lange Geschichte, die mir der Maharadscha gestern Abend im Vertrauen von sich berichtete. Auf deren Inhalt werde ich zu einem späteren Zeitpunkt genauer eingehen. Aber es freut mich trotzdem enorm, dass er in seinem Alter schon solche Komplexitäten wahrnimmt.

Erst viel, viel später, am Abend, als es draußen schon dunkel wird, hört der Sturm auf, um unsere hölzerne Hülle zu tanzen. Neo und ich bekommen die schwere Tür des Hüttchens nur mit gemeinsamem, wiederholtem Schieben auf, weil sich dahinter riesige Sandverwehungen gebildet haben. Die Luft ist klar und am Himmel steht bereits eine dünne Mondsichel. Von unserem stattlichen Lagonda schauen nur noch die Scheinwerfer und die Kühlerfigur heraus, der Rest ist in einem gigantischen Sandberg begraben. An eine Weiterfahrt heute Abend ist so auf keinen Fall mehr zu denken. Da der Verkäufer in Casablanca uns aber erzählt hat, dass das Auto als Sonderausstattung Liegesitze hat, graben Neo und ich uns mit den Händen eine Türe frei, so dass wir ins Wageninnere gelangen können. Die Wärme des Tages ist im Sand und Auto noch gespeichert. Zu einem späten Abendessen futtern wir unsere letzten Datteln mit einer Packung Jacobs Cream Crackers auf. Glücklicherweise haben wir beim Maharadscha alle unsere Thermoskannen mit Wasser aufgefüllt, so dass wir die letzten Krümel mit herrlichem, kaltem Nass herunterspülen können.


Neo schlüpft in seinem Dinosaurierschlafanzug und ich in meinem blauen Seidenpyjama. Es ist nicht ganz einfach, den Verstellmechanismus der Vordersitze zu finden, der in Form einer Kurbel unter dem jeweiligen Sitzpolster liegt. Aber die alte Technik funktioniert noch einwandfrei und im Nu sind die beiden Sitze eine große, waagerechte Liegefläche geworden. Diese geht in die Rücksitzbank über, so dass sogar ich mit meinen Einmeterneunzig bequem darauf liegen kann. Die Kälte der Wüstennacht spüren wir auf den weichen Liegesitzen nur als angenehme Briese bei leicht geöffnetem Beifahrerfenster. Zum Einschlafen mache ich unsere Lieblings - Khadja Nin - CD an und wir schlüpfen unter die schottischen Decken und kuscheln uns dann eng aneinander. Zur Stille der Nacht hören wir nach dem letzten Lied nur noch unseren Atem, der langsamer und gleichmäßiger wird. Was für ein Tag.


07.03.2016 Neckargemünd


3. Lands End

In Torquai blühen gerade die Palmen, als Neo und ich in der Ludwell Lodge Spiegeleier, gebackenen Speck und geschmorte Pilze zu einem schwarzen, englischen Frühstückstee essen. Wir packen meine Barbour- und Neos Neoprenjacke mit BMW-Logo auf dem Ärmel ein und machen uns auf den Weg. Der Lagonda springt, wie üblich, unternehmungslustig an. Heute wollen wir den südlichsten Punkt von England erkunden. Der schwere Wagen setzt sich spielend in Bewegung und Neos blonde Haare wehen leicht im kühlen Fahrtwind, der durch die geöffneten Seitenfenster hereinweht. Wir brausen über die typischen, engen Landstraßen und zu beiden Seiten türmen sich die grün wuchernden Hecken wie Wände auf. Um die Mittagszeit sehen wir den Leuchtturm, der auf der äußersten Spitze der Landzunge am Rande einer Erhebung steht. Wir sind an diesem sonnigen, aber sehr windigen Tag die einzigen Besucher.

Der Lagonda ist viel zu groß für das sauber mit weißer Farbe aufgemalte Parkfeld und steht vorne und an der Seite um einiges über. Neo stülpt sich seine Jacke über, steckt noch eine Reisepackung Shortbread ein und ruft: „Papa, ich geh schon mal vor“. Am Fuße der Treppe, die steil zwischen den Klippen und den grauen Wellen des Meeres vom Parkplatz herabführt, beginnt eine fast senkrecht nach oben führende Leiter, die zu einer Luke im Turm etwa fünf Meter über dem Meeresspiegel führt. Es riecht nach Salz, Algen und Weite, während der Wind an unseren Kleidern zerrt. Im Inneren des Turmes begrüßt uns ein freundlicher, alter Mann mit dickem schwarzen Pulli und einer rostroten Strickmütze auf dem Kopf. „Hi, I am Chris. It´s two Pounds each“, meint er. Wir bezahlen und klettern hinter ihm eine gusseiserne Wendeltreppe immer weiter empor, an mehreren Wohnräumen vorbei bis in die gläserne Spitze, wo die riesigen Fresnellinsen und das Leuchtfeuer sitzen. Chris zeigt uns die Technik und meint: „It is a special old German lightbulb from Osram, that produces about 400 watts. In case of a lack of electricity we have a Perkins diesel generator here to guarantee the function of the lighthouse at any time”. Die steinalte Technik, wahrscheinlich so alt wie unser Lagonda, ist in perfektem Zustand und Neo schaut sich neugierig die großen Zahnräder an, welche das Kreisen des Leuchtfeuers bewirken.

Ein hoher Sirenenton lässt uns alle im nächsten Moment zusammenfahren und Chris klettert hastig die schmale Treppe hinunter. „Springfluht koomt, Boot in Noot“, ruft er uns in englischem Deutsch zu und ist verschwunden. Wir hören das Heulen des Windes, das jetzt um den Turm tobt und steigen zu Chris hinab in einen Raum, der rundherum den Blick über Meer und Land eröffnet. Die Steintreppe, welche wir vorher vom Parkplatz zum Leuchtturm heruntergestiegen waren, ist komplett in den Fluten verschwunden und die Ausläufer großer Wellen umspülen die Reifen unseres Lagondas. In diesem Moment sieht Neo den Küstenfrachter, der in schwerer Schieflage manövrierunfähig auf dem Meer wenige hundert Meter vor dem Leuchtturm treibt. Chris ruft: „The ships from France. Their load is coal which moved inside caused by the enormous waves. I told the crew of the “Dunkerque” to come over to us. The ships lost anyway”. In diesem Moment sieht man, wie auf der schwer krängenden “Dunkerque” ein Beiboot zu Wasser gelassen wird. Nachdem es voll besetzt ist, macht es vom Mutterschiff los und hält direkt auf den Leuchtturm zu. Neo ruft ganz aufgeregt: „Papa, die kommen zu uns“ und Chris läuft weiter die Wendeltreppe hinunter, um die schwere Eisenluke zu öffnen, die nach außen führt.

Zehn Minuten später steigen dreizehn durchnässte Matrosen und ein etwa zehnjähriges Mädchen die enge Treppe hinauf und stehen mit Chris und uns beiden im großen runden Hauptraum des Leuchtturms. Der Kapitän erzählt in knappen Worten, wie die „Dunkerque“ vor weniger als einer halben Stunde von einer riesigen Welle erfasst wurde und die Steinkohle im Laderaum schwer nach Backbord verrutscht ist. Eigentlich war der kleine Küstenfrachter auf dem Weg nach Portsmouth gewesen. Das kleine Mädchen kommt währenddessen zu Neo herüber und sagt unvermittelt: „Hallo, ich bin Cendrine. Ich habe an Deiner Jacke gesehen, dass Du aus Deutschland kommst. Ich habe in den letzten vier Jahren in Hamburg gewohnt. Nachdem ich meine Tante in Amiens besucht habe, war ich jetzt gerade auf dem Weg nach Portsmouth, um meine Eltern wieder zu sehen, die gerade aus Südafrika zurück gekommen sind, wo sie einen Film gedreht haben. Und wo kommt ihr her?“ „Wir kommen aus München, also aus Gröbenzell bei München. Aber im Moment wohnen wir in Torquai und haben heute eine Tour mit unserem Lagonda hierher gemacht“, antwortet Neo schüchtern. „Du hast ganz doll Glück gehabt, dass Dir nichts passiert ist auf dem Schiff“. Das Mädchen lacht. „Weißt Du, solche Sachen bin ich gewöhnt. Wenn ich mit meinen Eltern auf Reisen bin, passiert ständig was Unvorhergesehenes. Wie heißt Du eigentlich?“ Neo druckst ein bisschen herum, aber dann sagt er mutig: „Neo, Neo Mangold. Und das ist mein Papa Martin Mangold. Aber eigentlich heiße ich richtig Alexander Victor Nepomuk Mangold. Wir wollen morgen nach Portsmouth auf die Victory und auch das Boathouse number four anschauen. Magst Du mitkommen? Dann kucken wir uns alles an und am Nachmittag kannst Du zu Deinen Eltern.“ Jetzt ist es Cendrine, die einen Moment sprachlos ist. Sie fragt vorsichtig: „Wenn ich heute Nacht bei Euch schlafen kann, sehr gerne. In meine Koje kann ich ja nicht mehr zurück.“ Nun schalte ich mich in das Gespräch ein. „Klar übernachtest Du bei uns, Cendrine. Wir haben noch ein freies Zimmer, das Du haben kannst. Ich spreche mit dem Kapitän, und dann fahren wir, sobald das Wasser zurückgegangen ist. Schaut mal, man sieht schon wieder die Treppenstufen. Und die großen Wellen haben sich auch beruhigt.“

Mit dem Kapitän werde ich schnell einig. Er ist froh über unser Angebot, denn er und seine Leute haben entschieden, wieder auf die „Dunkerque“ zurück zu kehren. Sie wollen versuchen, sie mit einem riskanten Manöver wieder aufzurichten. Chris will Ihnen mit seinem großen Schlepper dabei helfen. Wir versprechen Chris auf alle Fälle, den Leuchtturm zu bewachen, bis er und vielleicht auch die Männer vom Schiff wieder zurück sind. Alle machen sich auf den Weg. Zuerst sehen wir das Beiboot mit der Crew, dann kommt Chris großer Hochseeschlepper hinter einer Klippe hervorgeschippert. An der „Dunkerque“ angekommen, steigen die Männer alle an Bord und werfen Chris von der höher aufragenden Bootsseite ein Tau hinunter, was wohl dicker als meine Oberschenkel ist. Nachdem er es an einem Poller professionell befestigt hat, können wir sehen, wie er wieder auf die Brücke geht und die neu gestarteten Maschinen der „Dunkerque“ eine dicke, zähe, schwarze Rauchwolke an den immer noch bleiernen Himmel malen. Beide Schiffe nehmen langsam Fahrt gegen die Wellenkämme auf. Nach einigen Minuten, als sie die volle Reisegeschwindigkeit erreicht haben, wirft der Steuermann der „Dunkerque“ das Ruder herum und Chris hat im selben Moment den Schlepper gewendet. Das schwere Tau spannt sich und beide Schiffe richten sich bebend immer steiler auf. Bis es einen scharfen Knall lässt und das Tau reißt. Der Schlepper kracht für mehrere Sekunden unter Gischtspritzern in die Fluten, bis er wieder auftaucht und die „Dunkerque“ schlingert stark, steht aber wieder fast gerade, im immer noch leise brodelnden, graugrünen Meer. Wir alle jubeln und sehen die Mannschaft an Deck einen Freudentanz aufführen. Jetzt kann der Frachter doch noch Portsmouth anlaufen und seine Ladung gänzlich löschen. Nachdem Chris seinen Schlepper an der Jetty hinter dem Leuchtturm festgemacht hat, kommt er sichtlich erschöpft, aber zufrieden, wieder zu uns nach oben. „We made it“, sagt er stolz. „Thank you for being here in the meantime“.

Nun ist es Zeit, sich zu verabschieden. Chris und ich drücken uns sehr kräftig die Hand und die beiden Kinder hebt er einfach hoch und drückt sie fest an sich. „We´ll send you a postcard from Germany“, rufe ich noch beim Abstieg über die schwarzen Gusseisenstufen. „Osram is also in Munich“. Als wir am Lagonda angekommen sind, ist dieser fast weiß geworden vom vielen Salzwasser und der Gischt, die über ihn die letzten Stunden hinweggebraust ist und ihre feinen Nebel verteilt hat. Neo und Cendrine hüpfen auf die Rücksitzbank und kuscheln sich an den großen gelben Bär, der im Auto die Stellung gehalten hat, solange wir weg waren. Das satte Brummen des großen V8 begleitet unsere Fahrt die schmale, von Steinmäuerchen gesäumte Küstenstraße entlang. „Danke Euch, dass ich mitkommen darf“,sagt Cendrine mit müder Stimme. „Ich freue mich, wenn ich morgen auch meine Eltern wieder sehe“. „Und ich freue mich“, murmelt Neo mit bereits zugefallenen Augen, „wenn wir Morgen die Victory sehen, mit den vielen Kanonen“. Ein wohliges, leises Schnarchen von zwei noch kleinen Menschen begleitet mich auf dem langen Weg zurück nach Torquai.


19/5/16, Stonehenge


4. Auf dem Weg in die Highlands

Es ist ein regnerischer Tag, als wir uns in Chichester auf den Weg machen. Dorit, Neo und ich fahren im Lagonda. Christian und Annemarie sind mit Matteo und Phil in ihrem schwarzen 5-er Touring unterwegs. Hinter der Kiesauffahrt hält Christian noch einmal an und Annemarie macht das Hoftor zu, denn wir werden viele Tage unterwegs sein. Die ufahrt auf den Motorway ist komplett frei und so fahre ich automatisch rechts, bis Neo von hinten quietscht: „Papa, links fahren, wir sind in England!“ Ich vergesse das immer wieder, obwohl unser Lagonda ja eigentlich ein Rechtslenker ist. Dorit studiert die Karte, während wir im strömenden Regen dahingleiten. Die Schnauze vom schwarzen 5-er hinter uns ist nur noch schemenhaft zu erkennen. Ab und zu sieht man einmal einen gelben Ginsterbusch vorbei fliegen, sonst verschwimmt alles im Grau.
Um die Mittagszeit wollen wir in Whitby sein und man merkt schon bald am abnehmenden Regen, dass wir uns der Küste nähern. In der Ferne taucht plötzlich in fahlen Umrissen der beeindruckende Turm der Kathedrale auf, die direkt auf die Klippen gebaut wurde. Eine Bombe hat das wunderschöne Bauwerk im Krieg getroffen und heute stehen nur noch die Außenmauern wie ein Mahnmal gegen die Zerstörung. Dorit fragt: „Neo, wo genau steht denn der Landrover?“ „Also, Andrew hat mir vor der Abfahrt gesagt, dass hinter dem Fish & Chips-Shop bei der Kathedrale ein rostiger, großer Verschlag aus Wellblech steht. Den Schlüssel für das Vorhängeschloss habe ich in meinem Rucksack.“ Wir fahren ab auf die Countrylane, die genau auf die Ruine zuführt und Christian und Annemarie folgen uns.

Hochseemöwen kreisen um die alten Mauern, manche nisten hier, andere hoffen auf essbare Hinterlassenschaften der Touristen. Auch wir parken erst einmal direkt bei der etwas heruntergekommenen Fish & Chips-Bude und teilen uns dreimal Fish & Chips, einen großen Salat und Sandwiches. Die Möwen kreisen wild um uns, weil Neo und Matteo Pommes in die Luft geworfen haben, die sie im Flug wegschnappen. Eine junge, noch braun gefleckte Möwe ist sogar so mutig, dass sie sich zwischen Matteo und Neo auf die Bank setzt und artig die Sachen vom Tisch pickt, die die beiden ihr hinlegen. Wir Erwachsenen halten uns mit dem Schimpfen zurück, weil das ein Schauspiel ist, dass man nicht jeden Tag geboten bekommt. Und der zweijährige Phil quietscht begeistert, weil ein so großer Vogel zum Greifen nahe vor ihm sitzt.

Als wir fertig gegessen haben, begleitet uns die Möwe noch traurig schreiend zu den Autos. Wir steigen aber nicht ein, sondern gehen um die Ecke, wie beschrieben auf die Hinterseite des Gebäudes. Das alte Vorhängeschloss ist von der salzigen Luft so korrodiert, dass Neo ein paarmal hin und her spielen muss, bis sich der Schlüssel wieder dreht. Wir ziehen die Tür unter lautem Quietschen auf. Und tatsächlich, dahinter steht ein Landrover Neunsitzer, der voll als Tourenfahrzeug und sogar mit einer großen Seilwinde ausgerüstet ist. Sehr verstaubt, aber voll funktionstüchtig, wie es scheint. Daneben parkt noch ein Morris Minor mit Holzaufbau und platten Reifen und ganz am Ende des Schuppens steht ein gigantisches Fahrgestell, nur noch mit vier Rädern und einem großen Sechszylinder. Matteo fragt seinen Papa: „Christian, was war das denn für ein Auto, früher?“ Nach einigen prüfenden Blicken meint Christian: „Das war ein Rolls Royce und zwar ein Silver Cloud I. Ab dem Silver Cloud II hatte der Wagen nämlich einen V8.“ „Das ist sogar ganz bestimmt ein Silver Cloud I. Er hat exakt die gleichen Radkappen wie unserer in Neckargemünd.“ Meint Neo. Ich erzähle dann kurz die Geschichte, wie wir zu unserem Rolls gekommen sind, parke dann aber erstmal schnell den Lagonda um, um mit dem Überbrückungskabel die Batterie des Landrover zu laden. Nach 15 Minuten Ladevorgang bei laufendem Motor, während die drei Jungs das innere des Neunsitzers schon komplett erkundet haben und Dorit und Annemarie das Gepäck im hinteren Teil des Wagens verstaut haben, macht Christian den ersten Startversuch. Die ersten Umdrehungen sind schleppend, dann lässt es einen lauten Knall und der Motor springt spotzend und nagelnd an. Ich trenne sofort die Ladekabel und Christian manövriert das staubige Auto vor den Schuppen. Er lässt den Motor laufen und wir parken stattdessen den 5-er Touring und den Lagonda in den Schuppen. Neo macht wieder das Vorhängeschloss vor und sagt strahlend: „So, jetzt kann´s losgehen. Auf nach Schottland!“

Zuerst fährt Christian und Annemarie navigiert, während Dorit und ich hinten mit den Kindern tollen. Der Landrover hat die hinteren Sitze nicht in Fahrtrichtung, sondern im Quadrat angeordnet und in der Mitte steht ein Tisch, auf dem jetzt alle Stofftiere Platz genommen haben. Nur Neos momentanes Lieblingstier, die Schlange Crictor, hat sich durch einen Haltegriff am Dach geschlängelt und lässt ihre gespaltene rote Zunge heraus hängen. Langsam beginnt das Gelände um uns herum, hügeliger zu werden. Der Himmel ist wieder mit grauen Wolken bedeckt, die in Fetzen vom Wind gejagt werden. An einer einsamen, alten BP-Tankstelle halten wir kurz vor Fünf Uhr abends an, um voll zu tanken. Es riecht nach Heidekraut und Schafen, gemischt mit dem öligen Geruch von Dieselkraftstoff. Neo und Matteo gehen Pipi und verschwinden in der Tankstelle. Minuten später kommen sie aufgeregt heraus gelaufen und rufen: „Da drinnen sieht es aus wie in einem Museum und man kann einen High Tea haben, wenn man will!“ Und tatsächlich, ein Raum der Tankstelle ist mit dunklen, alten Möbeln und dickem Teppichboden eingerichtet. Auf silbernen Tellern und Tabletts steht Buttered Toast, Scones, Clotted Cream, mehrere Marmeladen, Lemon Curd und sogar geräucherte Makrele.

Der Besitzer der Tankstelle kommt in den Raum. Er ist etwa vierzig, hat einen spitz gezwirbelten Schnurrbart und fragt freundlich: „Do you want to have a break and a cup of tea? It´s four Pounds each all food included.“ Ohne auch nur einen Moment zu zögern, setzen wir uns alle um den großen, ovalen Tisch, der mit all den Leckereien bedeckt ist, und lassen uns das wundervolle Teebuffet schmecken. Während wir alle am Kauen sind, hört man den Kandiszucker in den hauchdünnen, klassischen englischen Teetassen Knistern, die uns der Tankwart gebracht und gefüllt hat.

Schnell ist mehr als eine Stunde vergangen und wir sieben haben tatsächlich alles verputzt, der kleine Phil das letzte Stückchen Makrele. Nun schlägt die Müdigkeit nach dem aufregenden und anstrengenden Tag mit Macht zu, angeheizt durch die wohlige Wärme des offenen Kamins. Der Tankstellenbesitzer räumt unser Geschirr ab und meint: „If you have no further plans for today, you can stay here for the night. I have a little Bed & Breakfast with two rooms. That should work for all of you.” Das Angebot ist uns extrem willkommen und Annemarie und Dorit schauen sich mit dem Mann die Zimmer an, während wir fünf Jungs uns näher an die Glut setzen, die eine kuschelige Wärme verbreitet. Die Zimmer sind gleich nebenan in einer über 500 Jahre alten Cottage, wie unsere beiden Frauen begeistert berichten. Und bewacht wird das Haus anscheinend von einem gutmütigen alten Terrier namens Nelson. In diesem Moment kommt er zu uns in den Raum getrottet, schaut sich einmal um und rollt sich dann zu Füßen von Phil, Matteo und Neo genüsslich schnaufend zusammen. Und Minuten später, als wir Erwachsenen aufstehen, um das Gepäck für die Nacht zu holen, sind die drei Kinder und der Hund tief und fest eingeschlafen.


21.04.2016 Gröbenzell


5. Das vergessene Tal

Die weiche Zunge von Nelson kitzelt mich am Ohr, als der alte Terrier es abschleckt. Ich bin sofort wach und auch Dorit und Neo haben den großen Hund gehört. Die Sonne scheint zu den niederen Fenstern der Cottage herein und der Himmel ist strahlend blau. Wir treffen Christian und Annemarie mit den Kindern Matteo und Phil zum Frühstück, und alle sind voller Vorfreude auf den Tag. Heute geht es zum Ben Nevis und ich möchte allen ein kleines Geheimnis zeigen, das ich vor vielen Jahren einmal zufällig entdeckt habe.

Wir bezahlen, beladen den Landrover und verabschieden uns vom Tankwart, der gleichzeitig ein ausnehmend netter Gastgeber war. Nelson springt zum Abschied noch einmal ungeschickt an Matteo und Neo hoch und setzt sich dann brav neben sein Herrchen. Die Straße ist eine Single Track Road und alle paar hundert Meter kommt ein Passing Place, mit gelbem Schild gekennzeichnet, um entgegenkommende Fahrzeuge vorbei lassen zu können. Auch die in Schottland so verbreiteten Cattle Grids werden mehr, in die Straße eingelassene Gitter, um Tiere am Überqueren zu hindern. Das weite schottische Land mit seinen kargen Hügeln umgibt uns mehr und mehr. Kurz vor Mittag macht die Straße am Fuße des Ben Nevis einen Rechtsknick und führt unvermittelt in eine Schlucht. Nach einigen hundert Metern gabelt sie sich. Nach links steigt sie steil an, nach rechts führt sie in einen dichten Rhododendronwald, der hier und da lila Blüten aufweist.

Wir biegen nach rechts ab und tauchen ein in das dunkle Grün. Die Straße ist holprig und scheint seit vielen Jahren nicht mehr befahren worden zu sein. Aus dem Blättertunnel wird bald ein richtiger Tunnel, steinalt und finster wie ein Grab. Unsere Scheinwerfer erhellen nur einige Meter weit, so schwarz ist der Stein. Von der Decke tropft Wasser und aufgescheuchte Fledermäuse tanzen um das Auto und behindern zusätzlich die Sicht. Der Dieselmotor des Landrover arbeitet kräftig und der Widerhall dröhnt in unseren Ohren, so dass uns richtig unheimlich zumute wird. Zudem ist kein Ende des Tunnels in Sicht und auf einmal steigt die Straße auch noch steil an. Auf der ganzen Fahrbahn läuft Wasser und es rauscht, als ob wir uns einem großen Wasserfall nähern. Plötzlich kreischt Neo: „Papa, die Lichter werden immer dunkler!“ Ich habe so konzentriert auf den Weg geschaut, dass ich die rote Generator-Warnlampe gar nicht bemerkt habe. Das bedeutet, dass demnächst die Batterie leer ist, weil die Lichtmaschine nicht mehr funktioniert. Und das bedeutet, dass wir bald stehen bleiben, weil der Landrover eine elektrische Kraftstoffpumpe hat. Mir läuft der Schweiß die Stirn herunter bei dem Gedanken, in diesem Tunnel stehen zu bleiben. Er ist zudem so eng, dass es sein kann, dass wir die Türen gar nicht aufbekommen. Wir reden alle wild und aufgeregt durcheinander, was wir nun machen sollen. Auch das Auto wird nun immer langsamer, weil der Motor immer weniger Diesel bekommt und die ersten Aussetzer lassen den Wagen hin und her schwanken auf der steilen Strecke.

Als wir fast stehen bleiben, wird die Straße auf einmal wieder flacher und wir können das Ende des Tunnels sehen. Endlich! Mit tuckerndem Motor rollt der Landrover die letzten 10 Meter zum Tunnelausgang. Außen rauscht ein riesiger Wasserfall umsäumt von einem Farnwäldchen rechts von der Straße in die Tiefe. Ich halte sofort an, springe hinaus, öffne die Motorhaube, während der Motor im Leerlauf langsam vor sich hin nagelt. Das Steuerungskabel der Lichtmaschine muss sich auf der unebenen Schotterstraße losvibriert haben, denn es hängt frei in der Luft. Ich stecke es wieder auf, und sofort verlangsamt die wieder arbeitende Lichtmaschine die Umdrehungsgeschwindigkeit des Motors. Was für ein Glück wir haben, dass es nur das war.
Und nun nehmen wir alle auch erst wahr, wo wir sind. Vor uns liegt ein blühendes, weites Tal umringt von Bergen. Zierliche Weiden säumen einen Bach, der aus dem großen Wasserfall neben uns gespeist wird. Wilde Pferde grasen auf den Wiesen und hier und da ist ein Esel dazwischen. Am Ende der nach unten führenden Straße steht ein großes, reetgedecktes Landhaus mit vielen Schornsteinen auf dem Dach und einer großen Scheune daneben. Vögel zwitschern melodisch und immer wieder hört man den hohen Ruf eines Pfauen. Wir sind im Paradies angekommen.

Die Kinder rennen los, hinunter zur Scheune. Und Phil wackelt sehr schnell mit seinen kurzen Beinchen hinterher. Wir Erwachsenen rollen mit dem Wagen die Serpentinen der geschotterten Straße hinunter und halten vor der großen Eingangstür des Landhauses an. Wir betreten ein großzügig gebautes Anwesen mit einer stattlichen Eingangshalle, von der viele verschiedene Türen abgehen. Zwei große Kandelaber an der Decke zeugen vom Reichtum, mit dem das Haus einst gebaut worden ist. In der Mitte des Raumes steht ein kleiner Tisch, auf dem ein altes Buch aufgeschlagen liegt. Annemarie ließt laut die Eingangsseite vor: „This house is open to everybody passing by as a shelter or as a place for the night. Please keep everything tidy and leave the rooms as you would like to find them. Thanks and have a nice day! Rosanna Mc Donald, September 1921.” Seit dieser Zeit wird das schöne Haus von Wanderern und Fremden genutzt und jeder Bleibende sorgt ein wenig für den Erhalt. Wir beschließen schnell, dass wir hier gerne mehrere Tage bleiben wollen. Für Annemarie und Christian und Dorit und mich gibt es je ein Schlafzimmer in den seitlichen Anbauten. Und für die drei Kinder ist in der Mitte des Vorderhauses ein großes Schlafzimmer mit 4 Betten, jedem an einer Seite des Raumes. Wir schütteln die ordentlich auf den Matratzen liegenden rot-weiß-gestreiften Federbetten und Kissen kräftig an den offenen Fenstern aus, um die Staubreste zu entfernen und auch, um die Decken leichter und geschmeidiger zu machen.

In diesem Moment poltern die Kinder zur Tür herein, alle Stofftiere im Schlepptau. Phil trägt Neos großen gelben Bär, der fast doppelt so groß ist wie sein Träger. Gutgelaunt häufen die drei ihre Stoffkameraden allesamt auf ein Bett, ziehen ihre Schuhe aus und hüpfen dazu. Ein buntes Knäuel aus gutgelaunten kleinen Menschen und Tieren strudelt für die nächste Zeit auf dem Bett. In der Zwischenzeit holen wir den Proviant aus dem Auto und tragen alles in die große Küche, die durch eine Doppeltüre mit der Hall verbunden ist. Christian zündet einen offenen Kamin und die beiden Kandelaber an, während Annemarie und ich einen großen Salat machen. Auf runden, mit Verzierungen geschnitzten Holzbrettern gibt es Wensleydale, Cheddar Cheese, Blue Stilton, Jacobs Cream Crackers und gesalzene Butter. Dorit hat noch große Blätter von außen geholt, um die Käse darauf zu platzieren und schneidet Walnussbrot auf. Wir ziehen einen langen, rechteckigen Tisch aus der Küche in die Hall und decken ihn mit weiß-blau bemaltem Geschirr, das sich in Regalen an den Wänden der Küche befindet. Ein großer Krug frisches Wasser kommt noch dazu und ich hole zwei Flaschen aus unserer Kühlbox. Als erstes öffne ich den Champagner, den wir vor einigen Tagen in Reims gekauft haben. Der laute Knall des Korken ruft die Kinder an den Tisch und ich schenke allen einen Aperitif ein. Für die Jungs gibt es Ginger Ale, für uns Erwachsene das Mitbringsel aus Reims. Um unsere wunderschön gedeckte Tafel herum stehend stoßen wir an auf diesen aufregenden Tag und dessen wunderschönen Ausklang. Phil hält das dünne Glas schon erstaunlich sicher in der Hand und sagt noch ein paarmal „Cheers“. Während es draußen langsam dunkel wird, beenden wir bald unser Abendessen. Nach einer gemeinsamen Runde Zähneputzen verziehe ich mich mit den Jungs in ihr Zimmer. Jeder schlüpft in sein Bett und ich erzähle ihnen zum Einschlafen, wie ich das Tal vor vielen Jahren entdeckt habe. Noch, bevor ich geendet habe, ist nur noch gleichmäßige, friedliche Atmung im Raum zu hören.


13.05.2016 Torquai


6. Das alte Flugzeug

Der Blick aus dem Zimmer des großen Landhauses geht direkt auf eine blühende Blumenwiese, auf welcher vereinzelte, uralte, riesige Eichen wie Wachtposten stehen. Das Krähen eines graugepunkteten Hahnes und das Gackern seiner Schar von Hühnern, die zwischen den Blumen und Gräsern Futter suchen, weckt uns. Das Wetter ist so schön und unsere Umgebung so paradiesisch, dass wir uns einen Early Morning Tea sparen und uns gleich für den Tag fertig machen. Das Badezimmer ist mit alten, englischen Armaturen versehen, auf denen mit Schreibschrift Hot und Cold zu lesen ist. Waschbecken, Toilette und sogar Badewanne sind achteckig ausgeführt und verbreiten eine gepflegte Eleganz. Da wir vollkommen alleine in dem wundervollen Tal sind, stellen wir die Fenster nach dem Duschen aus und verriegeln sie mit den typischen Fensterverriegelungsstangen. Während Annemarie, Christian, Dorit und ich in der großen, lichtdurchfluteten Küche Frühstück vorbereiten, sind die Kinder Phil, Matteo und Neo schon wieder durch die Eingangstüre in die paradiesische Außenwelt auf Entdeckungstour entschwunden. Ich habe gerade acht Toastscheiben im Familientoaster platziert und zwei Orangenmarmeladen auf den großen Tisch in der Hall gestellt, als Neo von draußen aufgeregt ruft: „Papa, komm raus. Das musst Du Dir anschauen. Ich glaub es einfach nicht!“ Wenn Neo so ruft, muss etwas Besonderes los sein. Ich renne halbwegs besorgt hinaus und sehe, dass die Jungs einen Torflügel der Scheune aufgeschoben haben. Aus meinem Blickwinkel sehe ich die Läufe von zwei Maschinengewehren, die hoch in der Luft zu schweben scheinen. Die Kinder stehen andächtig im Halbkreis und nun erkenne ich sie auch, die alte zweimotorige Jagdmaschine. Auf die Schnauze ist ein rotes, aufgerissenes Maul gemalt. „Wow, Kinder, das ist ja der Hammer. Sieht aus wie eine Spitfire. Aber so eine habe ich noch nie mit zwei Propellern gesehen. Das Flugzeug ist auf alle Fälle aus dem zweiten Weltkrieg, aber es ist so gut in Schuss, dass es bis vor kurzem noch benutzt worden sein muss.“ An der Kanzel lehnt eine Leiter. Ich packe Phil unter den Arm und klettere die Sprossen hinauf. Das Flugzeug ist ein Sechs-Sitzer und wir beide setzen uns auf die vorderen Plätze. Neo und Matteo gehen ganz nach hinten, wo die Maschinengewehre angesteuert werden. Ein Drehen des Hauptschlüssels am Armaturenbrett zeigt, dass die Batterien noch einen recht ordentlichen Ladezustand haben. Noch bevor ich den roten Starterknopf auch nur berührt habe, gibt es einen ohrenbetäubenden Lärm. Tack, Tack, Tack! Ich fahre herum und sehe, dass Neo und Matteo die Maschinengewehre in Gang gebracht haben. „Ja, seid ihr den völlig wahnsinnig!“ brülle ich aufgebracht und stinksauer. „Habt ihr ein Schwein, dass die Dinger nicht mehr geladen sind! Das sind echte Waffen und keine Spielzeuge!“ Christian, Annemarie und Dorit sind erschrocken aus dem Haus gekommen und trauen ihren Augen nicht. „Wenn das gute Stück noch in Ordnung ist, können wir nachher eine Runde drehen“, meint Christian leichthin. „Ich hab ja einen Flugschein und mit den Niederdeckern fliege ich besonders gerne. Aber jetzt frühstücken wir erst mal, klar!“ Annemarie nimmt den kleinen Phil von mir in Empfang und dann setzen wir uns alle an den großen Tisch in der Hall und lassen uns die Spiegeleier, den Toast mit Butter und die Orangenmarmelade schmecken. Nach dem Frühstück lassen wir alles stehen, putzen uns nur schnell die Zähne und Dorit nimmt noch einen Korb voller Äpfel mit als Wegzehrung. Christian sitzt schon im Cockpit und checkt die Instrumente. Ich nehme die Leiter weg, damit er einen Starttest machen kann. Das laute Klacken von Relais und das Surren eines Elektromotors kündigen an, dass die elektrischen Systeme laufen. Christian testet Höhenruder, Leitwerk und Querruder und ruft: „Geht jetzt mal alle zur Seite!“ Sobald wir Sicherheitsabstand haben, betätigt er die Starter per Knopfdruck. Der rechte Sternmotor springt sofort an und kleine Flammen schlagen aus den neun Auspuffrohren. Nach einigen Sekunden kündigen unregelmäßige Fehlzündungen an, dass der zweite Motor nun auch zum Leben erwacht. Unter infernalischem Lärm bugsiert Christian das Flugzeug auf die Wiese. Der heftige Wind bläst Phil sein Schnuffeltier aus dem Arm und der Kleine fängt laut zu weinen an. Währenddessen ist Christian auf der großen Wiese angekommen und dreht die Motoren auf maximalen Schub. Die Hühner flüchten in alle Richtungen und Christian hebt in kürzester Zeit ab. Er lässt die Maschine am blauen Himmel regelrecht tanzen und landet nach einigen Minuten wieder. „Alles einsteigen“, ruft er und grinst übers ganze Gesicht. Wir klettern über die Leiter auf unsere Sitze, Phil und Annemarie schnallen sich zusammen an und los geht’s. In Windeseile steigen wir hoch in die Luft und sehen nun aus der Vogelperspektive das Landhaus in seinem weiten Tal, umringt von einer Kette grüner Berge. Auf einmal meint Christian: „Jetzt zeig ich Euch ein Manöver, was mir mal Dave beigebracht hat. Nennt sich der Haken. Haltet Euch alle gut fest!“ Und er wirft das Flugzeug auf die Seite, dass wir im nächsten Moment senkrecht zur Erde stehen. Dann reißt er die Maschine auf die andere Seite und während wir noch nach unten schauen, geht er sanft über einen großen Looping wieder in die Horizontale über.

Das Brummen von anderen Motoren kündigt an, dass wir auf einmal Besuch bekommen. Ein schneeweißes, schlankes, zweimotoriges Flugzeug schlägt vor uns eine Pirouette, dreht bei und fliegt dann gleichmäßig neben uns her. Als ich hinüber schaue, traue ich meinen Augen nicht. Unter der Kanzel sitzen der Maharadscha und seine beiden schönen Schwestern Rewathi und Aylin, welche Neo und ich in Marokko kennen gelernt haben. Wir winken uns zu und Neo quietscht vor Begeisterung, als er unsere alten Freunde erkennt. Christian drosselt die Maschinen, gibt dem Maharadscha ein kurzes Zeichen, verliert rasch an Flughöhe und setzt sanft auf der großen Wiese auf, die auch unsere Startbahn war. Beide Maschinen kommen vor der Scheune zum Stehen und die Propeller der Rolls-Royce-Flugmotoren schütteln sich noch einmal, dann herrscht Stille. Der Maharadscha öffnet die Kanzel und ruft zu uns herüber: „Wir dachten schon, ihr seid ein Militärflugzeug, bei der Bemalung!“ Bald sind alle einander vorgestellt und ich bitte ins Haus, denn der große Zufall, dass wir uns im entlegensten Winkel Schottlands in der Luft treffen, muss gefeiert werden. Bei einigen Flaschen feinem Champagner aus Reims und Ginger Ale für die Kinder werden wir schnell einig, dass die drei ein paar Tage bei uns bleiben. Da es schon später Nachmittag ist, bereiten wir alle zusammen ein leichtes Abendessen, während die drei Neuankömmlinge ihre Zimmer beziehen. In großer fröhlicher Runde verfliegt die Zeit und die Kleinen trollen sich mit Ihren Tieren schnell in die Betten. Unsere Unterhaltung ist noch spannend und angeregt, als Minuten später leises Schnarchen aus der offenen Tür des Kinderzimmers zu hören ist.

Bad Gögging, 13/6/16


7. Stromeferry

Es ist 5:30, als mich das Klingeln meines Handys aus dem Schlaf reißt. Eine Festnetznummer aus Schottland, wie ich an der Zahlenkombination sehe. Heiner, mein ältester Freund, hat gerade ein Bauprojekt in Inverness und steht vor der Entscheidung, ob er die Morgenmaschine nach Köln nimmt, oder ob wir noch ein gemeinsames Wochenende in Schottland verbringen wollen. Wir haben uns das letzte Mal gesehen, als wir meinen weißen Rolls Royce Silver Cloud 1 in Solingen abgeholt haben. Da Dorit, Neo und ich sowieso gerade mit dem Lagonda in Schottland unterwegs sind, sind wir uns sofort einig, dass wir Heiner um 10 Uhr an der Anlegestelle in Kyle of Lochalsh abholen.

Die Hochseemöwen kreisen über der Hafenanlage und 10:01 hüpft Neo aus dem Auto und schlingt Heiner begeistert die grüne Plüschschlange Crictor um den Hals. „Ich hab Dir was mitgebracht, Neo“ meint Heiner und zieht einen roten Stofftierdrachen, der vormals als Werbeträger für die Firma Finalgon in einer Apotheke gesessen hatte, aus dem Rucksack. Neo freut sich wie ein Schnitzel und hüpft mit grüner Schlange und rotem Drachen so wild auf der Anlegestelle herum, dass Autofahrer anhalten und fragen, ob sie uns helfen können. „Drachi, bist du süß!“ jauchzt Neo währenddessen und ist als grün-roter Wirbelwind nicht zu bremsen.

Wir fahren ab und lassen Kyle of Lochalsh schnell hinter uns, machen uns auf den Weg Richtung Lochcarron, wo Heiner und ich als Jugendliche so oft waren. Nach gut einer halben Stunde Fahrt biegt die Straße über einen Hügelkamm und gibt den Blick auf den Loch weit unter uns frei. Heiner meint „Martin, weißt Du noch, als wir damals die Straße mit Dietrich und Madeleines Fahrrad freihändig runtergefahren sind?“ „Oh ja!“ meine ich, „es war absoluter Selbstmord, die stark gekieste und gewundene Straße so zu fahren. Wenn es uns hingelegt hätte, wäre nicht einmal ein Krankenhaus in der Nähe gewesen.“ Wir waren 1987 die ca. 2 km lange Gefällstrecke aus purem Übermut hinuntergebrettert.

Nun rollen wir gedämpft mit dem Lagonda am Ufer des Lochs entlang, als Heiner meint: „Martin, schau mal, da liegt die alte Fähre von Stromeferry und verfällt. Der Besitzer scheint gestorben zu sein. Lass uns mal anhalten.“ Wir halten an einem Passing Place, gesäumt von grünem Binsengras und Heidekraut, schließen den Lagonda ab und laufen alle vier zu dem riesigen hölzernen Boot, das halb im Wasser auf der Seite liegt. Neo hüpft als erster über die dicke Leine hinauf, gefolgt von Dorit. Heiner verschwindet sofort im Bootsinneren und ruft: „Martin, komm mal her, das mußt Du Dir anschauen!“ Und wirklich, im Maschinenraum, wo es nach Eichenholz, Moder und Diesel riecht, steht ein gigantischer alter 6-Zylinder Diesel, dessen sämtliche Anbauteile aus Kupfer, Zink und Messing gearbeitet sind. Er sieht aus wie ein modernes Kunstwerk in seiner schlichten Schönheit. „Ich hab die Batterien gefunden“, ruft Neo von hinten und ich krabbel zu ihm in einen kleinen Seitenraum. Nebeneinander und hintereinander stehen um die 20 große, alte Autobatterien und in der Mitte des Raums ist ein schwerer Messingregler mit der Aufschrift On-Off an einem Gestänge befestigt. Neo dreht kurzerhand nach rechts und der Schiffsrumpf erzittert durch den Anlasser, der den großen Motor durchzieht. In den ersten Sekunden bin ich wie gelähmt, und dann läuft er auch schon, der alte Schiffsdiesel. Gleichmäßig stampft er und die Fliehkraftdrehzahlregelung funktioniert noch einwandfrei. „Das ist ja irre“, entfährt es Heiner, „die alten Dinger hatten noch Saft, dann fahren wir jetzt rüber zum Leuchtturm von Stromeferry, ich hol gerade noch meinen Rucksack“. Fünf Minuten später schwimmt die Fähre wieder frei im Wasser, ich habe den Lagonda über den alten Verladesteg an Deck gebracht und wir stechen in See.

Wir alle grinsen von einem Ohr zum anderen, als wir in der lauen Mittagswärme langsam über das schwarze Wasser des Lochs schippern und dazu Tee aus der Thermoskanne und Gingernuts aus dem Lagonda genießen. Heiner kuppelt aus und wir lassen uns, mindestens 5 Seemeilen von jedem Ufer entfernt, frei treiben. Das leichte Hin- und Herwiegen des Schiffes wird auf einmal von seltsamen Schnauf- und Prustgeräuschen gestört. Neo läuft nach Backbord und ruft: „Was ist denn das?“ Aus dem Wasser kucken 5 Köpfe, die lustige Geräusche von sich geben. Es sind 5 Seehunde, die uns neugierig mit ihren großen, schwarzen Augen anschauen und mit zitternden Schnurrbarthaaren gierig in der Luft herum schnüffeln. „Wisst ihr was, die sind scharf auf unsere Gingernuts“, ruft Neo und wirft ein Keks in Richtung Tiere. Blitzschnell schießen 5 Körper aus dem Wasser, das kleinste Tier, wohl ein Seelöwenmädchen, ist aber am Schnellsten und taucht zufrieden grunzend mit dem Keks im Maul wieder im Wasser ab. Für die nächsten 10 Minuten füttern wir alle 4 unseren Proviant an die niedlichen Tiere. Und als alles aufgegessen ist, hüpfen Sie noch einmal zum Abschied aus dem Wasser, fetzen in Mordstempo einmal im großen Kreis um das Boot und sind dann verschwunden. „Na Servus,“ entfährt es mir, „jetzt können wir ja weiter fahren. Heiner kuppelt wieder ein und das Schiff setzt bei auffrischendem Wind und kleinen Schaumkrönchen auf den Wellen seine Fahrt zum Landungssteg am äußersten Westufer des Lochs fort. Die klare schottische Sonne läßt nicht nur den gelben Ginster, sondern einfach alles um uns herum unglaublich plastisch und lebendig aussehen.

Beim Anlegemanöver ist der Wind so stark geworden, dass wir froh sind, einige Minuten später den Lagonda wieder auf fester Straße stehen zu haben. Der kleine, gewundene Weg zur alten Befestigung der Meerenge von Stromeferry ist recht zugewachsen, vor allem mit sehr dornigen, lila blühenden Strandrosen, aber noch wage erkennbar. Nach kurzer Wegstrecke stehen wir auf dem Hochplateau mit seinen drei verrosteten, uralten Kanonen vor den Mauerresten einer verfallenen Bastion, und der Boden ist übersät mit Schafskötteln. Übermütig nimmt Neo eine Handvoll und schleudert sie auf Heiner. Der lacht und im Nu ist zwischen uns eine Schafsköttelschlacht entbrannt, über die Dorit nur still die Augenbrauen hoch zieht. Nachdem wir uns richtig verausgabt haben, kehren wir gutgelaunt zum Wagen zurück.

Ein Stückchen hinter der Anlegestelle beginnt ein strahlend weißer Strand aus kleinen flachgeschliffenen Kieselsteinen, übersät mit dunklen, vertrockneten Blasenalgen. In ganzen Haufen liegen sie herum und zwischen zwei Felsen ist dazwischen aus Steinen eine Art alte Feuerstelle aufgebaut, wohl einmal zum Fisch Grillen benutzt. Kurzerhand schichte ich einige Haufen Algen in die Feuerstelle und zünde sie mit meinem Bunsenbrenner-Feuerzeug an. Sehr schnell prasselt es und ein fast roter Rauch steigt in die Luft. „Das ist das Jod, was den Rauch so färbt“, meint Dorit, aber in diesem Moment brüllt es aus dem Hintergrung: „Get immediately of my Jetty!“ Ein finster drein blickender riesiger, kahlköpfiger Schotte in schweren Arbeitshosen, nur mit einer Weste über dem braungebrannten Oberkörper bekleidet, aber mit zwei kupfernen Armbändern an den Handgelenken, steht massig abgestützt auf seine Flinte keine 50 Meter von uns entfernt. Ich laufe direkt auf ihn zu und sage freundlich: „We stayed here 20 years ago at minimum 6 times and love this little paradise on the other side of the Loch. May I introduce, my wife and son Dorit and Neo, my oldest friend Hans Heinrich Bernward Banizza, Edler von Bazan and me, Martin Mangold.” Der graue Schnurrbart des alten zuckt, dann gibt er sich irgendwie einen Ruck und streckt mir freundlich die riesige Hand hin. „I am Arthur Ross, the owner of Stromeferry and the keeper of the lighthouse. I saw, that the Ghostferry is running again. Has that something to do with you? Verwundert schauen wir uns an und erzählen ihm unsere Geschichte. „Wicked“ meint er danach, “there is the story, that years after the Stromeferry Ferryboat has stopped its service, there will come some strangers and 5 Seadogs, to bring the ship to life again. And it is said, that at least one of them is a ghost from the 13th century. Anyhow. Join me for tonight. I think, we have lots of things to share.” Um meinen Mund spielt ein ganz leises Lächeln. Abrupt läuft er im nächsten Moment in die entgegengesetzte Richtung los auf ein typisch schottisches Haus mit einem Kamin an jedem Hausende. Die schwarzen Fensterläden und das schwarze Dach passen zum schwarz weiß geringelten Leuchtturm, der immer noch die hereinkommenden Schiffe sicher in den Loch geleitet, vor allem Fischerboote, die Ihren Fang in Lochcarron ausladen und verkaufen.

Im Haus brodelt über dem offenen Feuer im einzigen, großen Raum in einem Kupferkessel ein seltsam riechendes etwas. Mr. Ross zeigt auf einen groben Holztisch mit zwei Bänken und meint: „Take a seat. I have just prepared some Haggis and Turnips“. Sein großer Schäferhund kommt aus einer dunklen Ecke angetrottet und beschnüffelt uns alle neugierig, aber wohlwollend. Dorit verteilt 5 von den braunen Steinguttellern, die in der Mitte des Tisches gestapelt sind, um den Tisch und ich stelle jedem noch ein schweres Pressglas dazu. Mr. Ross stellt eine Schale Oatcookies auf den Tisch und gibt jedem eine große Ladung Haggis und dazu dampfendes Rübengemüse. Dann gießt er uns allen einen ordentlichen Whisky ins Glas, auch Neo. „You cannot eat Haggis without a good glass of Talisker“ meint er, und Neo raunt mir zu „weil er sonst wahrscheinlich ungenießbar ist, so, wie der riecht.“

Während der große Hund sich unter dem Tisch zufrieden schnaufend zusammen rollt, essen wir und erzählen uns unsere Erlebnisse, wie Heiner und ich einmal mit einem selbstgebauten Luftkissenboot auf dem Loch herumfahren durften, oder wie wir einmal eine alte Seenotrettungsboje gefunden hatten und diese aus Versehen zündeten, so dass das ganze Tal mit zähem orangenen Nebel gefüllt war. Mr. Ross berichtet, dass bei ihm sogar schon einmal die Königin gewesen war, da überliefert war, dass die silberne Krone von Königin Victoria dereinst in Stromeferry nach einem Staatsbesuch verschollen war. Und tatsächlich hatte man die Krone in den Befestigungsanlagen bei den drei Kanonen in einer schweren Holztruhe wieder entdeckt. Und als Dank hierfür hatte Königin Elisabeth die II. ihm dieses Stückchen Schottland geschenkt. Bis tief in die Nacht reden wir, bis ich sehe, dass Neo am Tisch einschläft.
Mr. Ross führt uns in den 1. Stock des Leuchtturms, wo ein rundes Zimmer mit Waschbecken und 6 Matratzen ausgerüstet ist. „Stay here for the night. I keep this room like it is, in case we get flooded and I have some guests. Good night.” Und weg ist er. Wir putzen uns noch die Zähne, ziehen unsere schweren Kleider aus und kuscheln uns in Unterwäsche unter die warmen Decken. Durch die Bullaugen sehen wir auf dem Meer ein großes Schiff erleuchtet wie ein Christbaum gemächlich seine Bahn ziehen und auf der anderen Seite spiegeln sich die goldgelben Straßenlaternen von Lochcarron im schwarzen Wasser, nur an einer Stelle unterbrochen von der kleinen Insel, die vor dem Städtchen in den Loch hinaus geht.


14/05/2016 Torquai – 03/06/2017 Bocca di Magra, Martin Mangold


8. Orkneys noch in Bearbeitung



9. North of Scotland noch in Bearbeitung



10. Homebound noch in Bearbeitung


11. Unser altes Haus in Eppingen

Der Peugeot 304 steht im alten Wirtschaftsgebäude unseres Familienschlösschens zwischen alten Holzmöbeln, metallenen Filmrollendosen von meinem Bruder Dietrich und einem auseinander gebauten Wiegenbett, das einmal Neo gehört hat. Dorit und ich rollen die dunkelblaue Staubschutzplane, welche mit weißen Fußabdrücken von neugierigen Katzen übersät ist, zusammen. Und zum Vorschein kommt der schwarzgrüne 304 mit dem golden glänzenden Löwen auf der Schnauze. Dorit, Neo und ich wollen Großpapa und Großmama besuchen, die zum Obst ernten vor zwei Tagen nach Eppingen gefahren sind. Wir schieben das französische Leichtgewicht in den Hauptraum, der in die Garagentore mündet. Jetzt ist Neo auch soweit und schiebt seinen Elektrotrailer zum Kofferraum. Gemeinsam heben wir ihn hinein, nehmen dann das Hardtop vom Auto und nehmen Platz, nachdem Neo auf die winzige Rücksitzbank gekrabbelt ist. Schöner Weise springt der Peugeot schon beim dritten Startversuch mit einer schwarzen Rauchwolke an und wir fahren bei strahlendem Sonnenschein zur Hofeinfahrt hinaus.

Zuerst unsere Waldstrasse entlang, dann hinunter ins Elsenztal und entlang an vielen Weiden und Pferdekoppeln. In Sinsheim biegen wir rechts ab und erklimmen den Steinsberg, einen vor vielen, vielen hundert Jahren erloschenen Vulkan, auf dessen Gipfel eine mittelalterliche Burg thront, in engen Serpentinen. Neo ruft gegen den Fahrtwind zu uns: „Da hinten in der Burgkapelle wurde meine Cousine Zola getauft.“ Und hinter dem Steinsberg erstreckt sich dann die große Weite des Kraichgaus mit bunten Feldern, alten Apfelbäumen und Wegkreuzen aus rotem und gelbem Sandstein. Wir rollen durch stille Dörfer, wo vereinzelt alte Traktoren in den Hofeinfahrten stehen. Die Straßen sind in der nachmittäglichen Hitze leer gefegt, nur hier und da schleicht eine verschlafene Katze um die Ecke.

Das erste, was wir von Eppingen sehen, ist der glatte Turm der evangelischen Kirche, wo auch gleich daneben unser altes Häuschen steht. Es ist die Katharinenstrasse 26, wo wir den Peugeot parken. Wie immer gurren hier die Tauben und das Holztörchen zum Garten quietscht. Obwohl das Haus einen schönen Haupteingang besitzt, benutzen alle Bewohner den Hintereingang, weil er auf den Garten und in den weiten Abendhimmel hinaus geht. Im Haus riecht es nach Heizöl und die mit Ochsenblut gestrichenen Treppen glänzen frisch gewienert. Die Türe zu unserer kleinen alten Wohnung hat einen Messinggriff in Form einer flammenden Sonne. Neo macht sie auf und läuft die steilen Holztreppen unters Dach behände nach oben. Er ruft „ Großpapa, Großmama, seid ihr da“? Aber nur die vielen uralten Familienportraits unserer Vorfahren schauen uns stumm an. Sonst ist alles ganz still; bis auf das leise Plätschern aus dem Badezimmer. Es ist die gusseiserne Toilettenspülung, deren ausgeschlagenes Ventil nicht mehr ganz schließt.

In der kleinen Wohnung hier oben ist alles noch wie vor 100 Jahren. Holzöfen für Warmwasser, Heizung und Kochen, eine handbetriebene Kaffeemühle und mechanische Uhren, die laut ticken und zur vollen Stunde schlagen. Ich gehe in die Küche und setze Wasser in dem verbeulten Nickelkessel auf, der immer so schön auf dem Feuer vor sich hin singt. Dorit öffnet die ehemals weiß gestrichene Anrichte und holt eine Bahlsendose aus den 50ern heraus. Beim letzten Mal haben wir Sie mit Mannerschnitten gefüllt, die Neo jetzt auf einem Glastellerchen aufstapelt. Die braunen Barren und die vergoldeten Sammeltassen leuchten förmlich auf den türkisen Kacheln des Teetischchens.

Es muss mal wieder unser geliebter Typhoo Tee sein, den ich in einer schwarz-braun gemusterten Art-Deko Kanne aus meiner Berliner Wohnung aufgieße. Neo hat währenddessen eine blecherne Dynamolampe aus dem 2. Weltkrieg entdeckt, die in einer Schublade zwischen Einweckgummis und metallenen Lockenwicklern lag. „Mit der habe ich als Kind immer unter der Bettdecke gelesen, wenn ich eigentlich schlafen sollte“, kommt es von hinten.

Großmama ist mit einer Aluminiummilchkanne voll sonnenwarmer Himbeeren in die Küche gekommen und Neo begrüß sie stürmisch. „Weißt Du, wir hatten im Krieg oft auch keinen Strom, und dann hat uns das Lämpchen sehr oft geholfen. Aber jetzt trinken wir erst einmal einen schönen Tee“. Auch Großpapa kommt im weißen Unterhemd, beladen mit einem Eimer voller Kirschen ins Zimmer und wir fünf setzen uns an den kleinen Teetisch und lassen es uns gut gehen. Mit der wohligen Wärme, den goldenen Sonnenstrahlen, die vom Pfaffenberg, einem hübschen bewaldeten Hügel, und dem weiten Hinterland von Eppingen in das Zimmer fluten, und auch dem gleichmäßigen Singen des Wasserkessels überkommt uns alle eine anheimelnde Müdigkeit. Neo klettert zwischen Großmama und Großpapa auf das pastellfarben karierte Sofa und die drei machen ein gemütliches Nachmittagsschläfchen. So friedlich und still ist es hier, dass auch Dorit und ich es uns für eine halbe Stunde auf meinem alten Berliner Sofa gemütlich machen.

Als die Standuhr mit gedämpftem Ding-Dong fünf schlägt, wachen wir alle wieder auf und gehen zusammen hinunter in unseren Bauerngarten. Als erstes flitzt Neo zum alten Bienenhaus, verschwindet hinter der Tür und man hört es von innen laut scheppern. Er forstet gerade die letzten Teile durch, die hier von meiner Goggo-Limousine in einem verrosteten Fliegenschrank lagern. Vor dem hölzernen Bienenhaus mit seinem spitzen Dach blühen die Rosen freundlich und auf dem Kirschbaum, den Großpapa bereits abgeerntet hat, hängen noch ein paar letzte schwarze Kirschen. Wir futtern noch einmal alle nach Herzenslust und Neo, der doch auch lieber draußen sein möchte, hilft kräftig mit. Er hat ein kleines Pfännchen mit langem Stil aus dem Bienenhaus mitgebracht und Großmama sagt: Damit hat meine Großmutter sich immer eine Maultasche mit Butter angebraten. Sie war eine sehr sparsame Frau.“ Immer schön ist es hier mit alten Geschichten und ein Ausruhen für die Seele. Nachdem die Turmuhr schon halbsieben geschlagen hat, mache ich den Vorschlag, im Gasthof der Palmbräu-Brauerei der Familie Zorn essen zu gehen. Großpapa ist zuerst nicht recht begeistert, nachdem Neo aber von Schnitzel und Spezi philosophiert, kommt auch er auf den Geschmack. Nachdem wir Neos Trialer ausgeladen haben, mit dem er auf dem Gehweg im Schritttempo seine Schlangenlinien fährt, laufen wir den Hügel hinunter zum Gasthaus. Die dünne Wirtin mit den ganz kurz geschnittenen, eisgrauen Haaren begrüßt uns kühl und gibt uns den runden Tisch am Kachelofen. Und tatsächlich, wir alle nehmen Schnitzel mit Pommes Frites, Salat und Spezi. Genauso, wie damals, als ich noch ein kleiner Junge war. Nachdem wir uns alle den Bauch vollgeschlagen haben, bitte ich um die Rechnung und Neo meint: „Mit einem Bewirtungsbeleg“. Nachdem ich gezahlt habe, geht es wieder langsam hinauf in die Katharinenstrasse. Es ist mittlerweile ganz dunkel geworden und am Himmel steht eine dünne Mondsichel. Wir alle sind nach Essen und Spaziergang wohlig müde, und nachdem wir uns in dem steinalten Bad die Zähne geputzt haben, fallen wir ins Bett. Das leise Ticken der Uhren und das Singen des Wasserkessels wiegen uns in den Schlaf.


15/03/2017 Martin Mangold, Eppingen


12. Geburtstag in Weiterswiller

Der Bach rauscht so laut, dass wir schon um 5:30 in der kleinen Dachwohnung unseres Familiensitzes wach werden, in der vormals der Graf von Hatzfeld viele Jahre gehaust hat. Sie geht nach hinten auf den Park hinaus und ist mit schlichten, englischen Möbeln eingerichtet, weshalb er als verarmter Adliger sich wohl lange nicht entscheiden konnte, den selten schönen Platz zu verlassen, den auch viele meiner Ölbilder und Zeichnungen schmücken. Beim Early Morning Tea entscheidet Neo, dass wir nicht den Lagonda, sondern den XJR nehmen, um von unserem Familienzentrum in Neckargemünd zu Dorits Schwester nach Weiterswiller zu fahren, wo wir am Wochenende alle zusammen Rolfs 75. Geburtstag feiern wollen.

Neo packt drei ZAZ-CDs und drei Mozart-Klavierkonzerte in den Wechsler, wir nehmen uns noch einen Korb mit Früchten und schwarzer Schokolade mit, laden die Geschenke, eine absurd dreinschauende Marmorschnecke aus einem Blumenladen in Ameglia, sowie die DVDs Nosferatu, The Ghost from Canterville und Meuterei auf der Bounty in den Kofferraum und brausen los. Das wunderschöne Neckartal entlang, vorbei am Stift Neuburg und am Elternhaus meiner ältesten Freundin und ersten großen Liebe Vera. Und auf die Autobahn Richtung Basel. Bei Reisegeschwindigkeit 160 macht Neo “Paris sera toujours Paris“ an und wir gleiten Richtung Frankreich. Hinter Karlsruhe fahren wir auf die A 500 nach Iffezheim und passieren den Rhein mit seinen großen Wasserkraftwerken. Das einspurige Sträßlein führt einmal quer durch die Rheinebene und mit jedem Kilometer ändert sich die Umgebung etwas und es wird ein Stückchen französischer. Eigentlich ist das unerklärlich, weil sich faktisch nichts ändert. Überall Pflanzen, Bäume, Straßen, Autos. Aber die Autobahn A 5 ist so deutsch, wie es nur geht und wenn man dann nach dem Kreisel bei Roppenheim auf die A 35, Autoroute des Cigognes fährt, fühlt sich alles Französisch an. Andere Fahrbahnmarkierung, viel weniger Autos und friedliches Dahingleiten.
Auf einem Rastplatz nahe dem Flüsschen Zorn legen wir eine kurze Pause ein. Neo verschwindet um die Ecke im Toilettenhäuschen, während ich mich auf einem unserer Auto-Holzklapphocker vor dem Jaguar in die Sonne setze und ein Stück schwarze Schokolade mit Granatapfel genieße. Nach ein paar Minuten kommt Neo lachend um die Ecke, offensichtlich vertieft in ein Gespräch mit einem neugierigen Storch der neben ihm herstakst und fast einen Kopf größer ist. „Papa, ich glaube, der wohnt hier und ist ganz schön frech“, meint Neo. Und in der Tat, das neugierige Tier stellt sich unverfroren vor mich hin und versucht, mir meine schwarze Schokolade zu klauen. Neo holt sich den zweiten Hocker aus dem Kofferraum und setzt sich neben mich. Der Storch hat das wohl als Friedensangebot angesehen und läßt sich auch nieder, immer noch verfressen auf meine Schokolade schielend. Ich mache eine Banane auf und teile sie unter uns dreien auf. Als der Vogel sein Stück auf einmal gierig hinunter schlingt, bildet sich an seinem dünnen Hals eine große Beule, die ganz langsam weiter Richtung Magen rutscht. Neo und ich lachen Tränen, was der Storch anscheinend gar nicht lustig findet. Er steht auf, schüttelt sein Gefieder und klappert uns übellaunig an. „Storch, das sah einfach so witzig aus, sei nicht sauer, dass wir gelacht haben. War nicht persönlich gemeint“, sage ich mit meiner tiefen Tierbeschwichtigerstimme. Und tatsächlich, er schaut mich wieder freundlich und abwartend an. „Weißt Du was, Papa, den nehmen wir mit nach Weiterswiller. Da findet er bestimmt Freunde. Hier sind ja nur Autos und Lärm“. „Das ist eine super Idee, Neo“, meine ich, weil mir der Storch als Wegelagerer irgendwie leid tut. Er muss noch sehr jung sein, denn er hat noch vereinzelt braune Federn auf seinem ansonsten strahlend weißen Bauch. Aus dem Kofferraum hole ich eine grüne Decke mit schottischem Tartanmuster und lege sie auf die Rücksitzbank. Zu den leisen Klängen von Mitsuko Ushida am Klavier, Klavierkonzert Nummer 488, zweiter Satz, läuft das große Tier langsam auf die hintere Türe unserer großen Katze in British Racing Green zu, steigt unbeholfen auf die Decke und läßt sich zufrieden dreinschauend im Fond des Sportwagens nieder. Ich drücke vorsichtig die Türe zu, wir beide nehmen vorne Platz und lautlos beschleunigend steuere ich den XJ 40 zurück auf die Autobahn.

Herr Storch sieht ausnehmend zufrieden aus und scheint es zu genießen, dass die Landschaft an uns so mühelos vorbei fliegt. Kurz vor Straßburg wechseln wir auf die A 4 nach Paris und fahren an der Ausfahrt Bouxwiller schon wieder ab. Schnell wird die Landschaft hier einsamer und die Dörfer kleiner. Bereits nach kurzer Fahrt taucht in der Ferne der Höhenzug von La Petite Pierre auf, an dessen Fuß Weiterswiller liegt. Der Storch wird etwas nervös, so scheints, und schaut sich in alle Richtungen um. „Seltsam, meint Neo, vielleicht kennt er die Gegend“? In Weiterswiller fahren wir an der evangelischen Kirche vorbei und biegen dann in eine Toreinfahrt, die so eng ist, dass es von jedem Außenspiegel zur Wand maximal 3 cm Abstand gibt. Dahinter, in der Rue des Juifs Numero 3, steht das steinalte Haus von Tina und Andrew. Der weiße X1 von Traudl und Rolf parkt bereits rechts am Haus, sie sind also schon da. Da der Innenhof extrem eng ist, stelle ich den Jaguar vor den X1 so nah ans Haus, dass wir alle auf der Fahrerseite aussteigen müssen. Als der Storch gerade staksig aus dem Wagen klettert, hören wir ein böses Brummeln von einem Supersportler näherkommen. Und als ob wir es verabredet hätten, kommt Dorit auf einer orange metallic lackierten BMW S 1000 RR durch die Toreinfahrt auf uns zugerollt. Meine zierliche, schöne Frau parkt das waffenscheinpflichtige Motorrad direkt vor dem Jaguar und steigt in einer extrem sexy aussehenden Lederkombi elegant von der schweren Maschine. Langsam nimmt sie den Helm ab und schüttelt dann ihre Haare, so dass der dicke, dunkelbraune Zopf wie in Zeitlupe von einer Seite zur anderen fliegt. Mit einem Satz springt der Storch nach vorne und beißt in den fliegenden Zopf, während Dorit wie vom Donner gerührt, innehält. „Den haben wir auf einem Rastplatz gefunden und mitgebracht, Mama, weil er da irgendwie so einsam war. Ich habe ihn gerade Storchi getauft“. „Ach so, ja, logisch, irgendwie, wie konnte ich das vergessen“, murmelt Dorit halb belustigt, halb verdaddert und zupft Ihren Zopf wieder zurecht, während der Storch sich peinlich berührt im Hintergrund niederlässt.

Nachdem wir Ihre Packtaschen und unseren verbeulten Rimowa mitsamt Storchis Decke eingesammelt haben, gehen wir hinten ums Haus herum. Im warmen Sonnenschein sitzen Traudl, Dorits Mama, Rolf, ihr Lebensgefährte, und Neos Kousinen Elena und Rebecca auf der neu gemachten Rotsandsteinterasse und spielen Quartett. Neo läßt sein Gepäck fallen, läuft auf die beiden zu und alle drei herzen sich und drücken sich, dass es eine Freude ist. Fröhlich begrüßen uns währenddessen Traudl und Rolf und Tina und Andrew, die schon Abendessen vorbereitet haben, kommen auch aus der Küche. Nach einem stürmischen Moment des Wiedersehens geht Andrew hinein und bereitet für uns alle einen Pimms vor, während der Storch schon wieder auf eine Lammschulter spechtet, die auf dem großen Grill aus Afrika vor sich hin schmort. Ich breite seine Decke am Haus aus, geleite ihn vorsichtig dorthin und versorge ihn fürs Erste mit schwarzen Oliven und Pattatine nebst einem Glas Wasser, während wir alle in der Abendsonne unseren Aperitif und das freudige Wiedersehen genießen. Als die Sonne hinter den Turm der katholischen Kirche wandert, von dem es gerade halb Sieben geschlagen hat, eröffnet Andrew mit frisch gestutztem, grauen Bart feierlich das Abendessen mit einem Toast: „Wonderful to have all of you here in our old house in Weiterswiller. Tomorrow we will celebrate Opa Rolfs Birthday. Cheers to all of you“! Wir erheben unsere Gläser, und sogar der Storch, der zufrieden auf seiner Decke vor sich hin mampft, nippt an seinem Wasser. Die Lammschulter ist mittlerweile fertig und gigantisch. Andrew zerteilt sie fachmännisch mit einem Messer, was eher wie eine afrikanische Waffe aussieht, als wie ein Küchenutensil. Als erstes gibt er Rolf ein großes Stück, der in seinem dezenten Sakko, den Seglerschuhen, der Sonnenbrille und dem sandfarbenen Käppie aussieht wie Herr Geheimrat AD. Dann verteilt er auf all unsere Teller und wir alle bedienen uns am Salat und den anderen Köstlichkeiten. Ich habe noch ein Gläschen englisches Mintgelly mitgebracht, was in Rekordzeit verdunstet. Während alle reden und essen, mache ich mich über den großen Knochen der Lammschulter her und knabbere ihn minutiös ab. Das scheint Storchi zu gefallen, denn er kommt neben mich und hackt mit seinem langen Schnabel so auf den großen Knochen ein, dass es laut schallt. Und fast im selben Moment läßt sich, während uns allen der Mund offen steht, ein weiterer Storch treffsicher neben Storchi nieder. Und sofort gibt es ein Gekklapper und Flügelgeschlage und ein aneinander reiben, dass es eine Lust ist. Ganz offensichtlich steht Storchis Papa vor uns, der seinen verlorenen Sohn wieder gefunden hat. Und Nachdem Neo den großen Vogel noch einmal vorsichtig an sich gedrückt und der seinen langen Hals an Neos Wange gerieben hat, nimmt Storchi den Restknochen in den Schnabel und Vater und Sohn heben fast lautlos ab. Sie drehen über uns noch einmal eine große Runde und es sieht fast so aus, als ob Storchi noch einmal winkt, bevor der Vater ihn in Richtung Sonnenuntergang abdrängt.

Ein bisschen traurig, aber auch glücklich bleiben wir Menschen zurück und Tina zündet die Windlichter an. Der Widerschein der zuckenden Flammen läßt Tinas rote Haare und Traudls türkise Seidenbluse samtig glänzen. Noch sicher für 2 weitere Stunden unterhalten wir uns, tauschen Erlebtes aus und genießen, einmal wieder, alle zusammen zu sein. Die Kinder haben sich schon zum Spielen in ihr Zimmer zurückgezogen, während wir Erwachsenen noch Abräumen und Kleinigkeiten für den morgigen Festtag vorbereiten. Müde und zufrieden sagen wir einander gute Nacht. Während alle anderen sich schon bettfein machen, setzen Dorit und ich uns noch einmal auf die Terrasse und bewundern den zum Greifen nahen Sternenhimmel. Wir haben uns lange nicht gesehen und sind eng aneinander gekuschelt, als über der Kirche eine Sternschnuppe ihre Bahn zieht, bevor sie im Dunkel der Nacht erlischt.


05/06/2017 Martin Mangold, Pisa


13. In den Ardennen

Lange, bevor Dorit in mein Leben getreten ist, Neo geboren wurde und der Lagonda zu uns kam, war ich ein erfolgreicher Autodesigner und Manager in einem Unternehmen der Automobilindustrie im Ruhrgebiet. Ich wohnte in Witten in einer kleinen Wohnung in der Wideystrasse 13 und fuhr einen Daimler XJ 40 in Westminster Blue mit Doppellichtern, der mich an den Wochenenden immer auf unser Stammschloss nach Neckargemünd brachte und unter der Woche arbeitete ich eben dort.

Zum Pariser Autosalon hatte Maserati mich eingeladen, bei einer exclusiven Party im Cotton Club unter dem Louvre einen kleinen Vortrag über die Verbindung von Jaguar, Daimler und Maserati zu halten, da man in Modena meinen Mark II mit Rennmotor und meinen Daimler bereits genau unter die Lupe genommen hatte und mein Know How schätzte. Also machte ich mich mit Daimler, Lederkoffer, dunkelblauem Dreiteiler und viel guter Musik recht gestresst an einem sonnigen Nachmittag auf den Weg und fuhr extra eine kleine Straße, quer durch große Waldgebiete der Ardennen auf den Spuren von Karl May, der in den Herren von Greifenklau dieses wunderschöne Fleckchen Erde minutiös beschrieben hat.

Als es bereits langsam dunkel wurde, suchte ich mir nahe Bouillon in Belgien auf der französischen Seite in einer kleinen Stadt eine Unterkunft für die Nacht. Das Hotel wirkte verwunschen, ein wenig wie unser zu Hause in Neckargemünd. Ein trutziger, fast quadratischer Bau mit einem asymmetrischen Jugendstilturm und einer Turmuhr in Form einer Mondsichel. Der weitläufige Kiesvorplatz war gesäumt von alten Steinfiguren, Buchs und Pappeln. Ich parkte als einziger Gast den Daimler vor der Freitreppe und betrat mit meinem Lederkoffer eine beeindruckende Eingangshalle. Eine ausnehmend schöne Frau mit dunklen Haaren und einem auf Maß geschnittenen dunkelroten Abendkleid begrüßte mich kühl in dem nur von langen Kerzen erleuchteten Raum. Ich fragte freundlich „Bonsoir Madame, est´que vous avez encore une chambre pour la nuit?“ Sie nickte nur leicht und über ihre schönen Züge huschte ein Lächeln.
Nachdem ich mich im Turmzimmer etwas erfrischt hatte, setzte ich mich mit einem Glas Rotwein zurück in den von Kerzen erleuchteten Raum, schrieb die Besonderheiten des Tages in mein Moleskine Büchlein und aß dazu eine vorzügliche Terrine forestière. Als ich gerade den letzten, köstlichen Schluck des samtigen Rotweines auf der Zunge zergehen ließ, öffnete sich geräuschlos eine Türe und die schöne, große Dame stand, umringt von einer ganzen Schar wunderschöner Frauen im Türrahmen und lächelte mich geheimnisvoll an. Mit dem Zeigefinger gebot sie mir, näher zu treten. Ich betrat einen Raum, der im hinteren Ende durch eine üppige, geschwungene Treppe in die Höhe führte, und war im nächsten Moment umringt von 13 seltenen Schönheiten in dunkelroten Seidenoutfits. Ein Windhauch durch die offenen Bogenfenster ließ die Flammen der Kerzen erzittern, während ich von den schönen Damen sanft die Treppe hinauf geschoben wurde. Im ersten Stock öffnete sich die Treppe zu einer Art Saal mit Bogenfenstern und hauchdünnen Vorhängen, die sich leise in der angenehmen Nachtluft bewegten. Ein Käuzchen rief von einer nahegelegenen Eiche im Park, während ich liebevoll und geübt aus meinem dunkelblauen Dreiteiler ausgepackt wurde. Die Dame, welche mich empfangen hatte, entkleidete sich als erste und bettete uns auf ein rundes, rotes Bett von gigantischen Ausmaßen. Ihre 12 Gespielinnen glitten lautlos aus Ihren Hüllen und lagerten sich eng um uns in abwartender Haltung, nur eine bestückt mit einer ganzen Hand voll Sicherheit aus Naturlatex. Sehr viele warme, zarte Hände drehten mich auf den Rücken und die Meisterin ließ ihre dunklen Haare und danach ihre festen Knospen über mein Gesicht und meinen Oberkörper kreisen. Ohne Vorwarnung nahm sie mich, nachdem ich fast unmerklich präpariert worden war, auf und wiegte uns beide langsam und verträumt, innig, umringt von leise summenden und singenden, zum Teil auch leise redenden Frauen.

Nach wenigen Minuten gab sie mich frei und ich wurde mit sanftem Druck ein Stück weiter geschoben, während einige Frauen mich, andere Frauen sich gegenseitig küssten und liebkosten. Meine nächste Partnerin war klein, brünett, und kokettierte damit, mich zu locken, aber dann zu entweichen. Mit ihren Brüsten streichelte sie meine Beine, sprang aber nach nur wenigen Sekunden wieder auf und stand auffordernd über mir, mit ihren Händen abgestützt auf meine Brust.

Berauscht von der Sinnenflut und gleichzeitig erschöpft von der Länge des Tages war mir aber gerade sehr wenig nach Katz und Maus zumut und ich schenkte meine ganze Aufmerksamkeit schnell einer blonden, katzenartigen Frau, die lässig auf einen Arm gestützt, vor mir saß. Das gefiel der brünetten Dame aber gar nicht. Sie wollte mich in sich haben, auch wenn ich die Katzenfrau gerade zärtlich küsste, und ritt ihren Hengst unvermittelt für einige Minuten recht unbarmherzig, während sie meinen Touareg-Anhänger am Lederband um meinen Hals dabei fest in der Hand behielt. Dann gab sie mich überraschend weiter und ich wiegte nach kurzem Boxenstop die blonde Katze, welche mir aus Wohlbefinden leise ins Ohr biss. Ihr geschmeidiger Körper umschlang mich von Kopf bis Fuss. Ein federndes Knäuel aus einem Mann und einer Frau. Aber auch dieser Genuss wurde jäh unterbrochen von einer asiatischen Schönheit, die mir gekonnt etwas Honig auf die Lippen und sich zwei Tropfen auf die Brustwarzen fallen ließ. Dann stand sie auf, hielt sich nach vorne gebeugt am Geländer fest und die anderen Frauen brachten mich passend in Position, um uns in Fahrt zu bringen. Sogar meine Hände wurden liebevoll um Ihre nun zart klebrige Oberweite gelegt, um diese zu massieren. Zarte und feste Haut und Körper umbrandeten mich und ich wurde mit Küssen und Streicheleien übersät, während wir ausritten. Ein lauter Knall ertönte plötzlich und hinter uns stand inmitten des großen, jetzt leeren Bettes eine dunkelhäutige Frau mit riesigen goldenen Ohrringen und einer Reitpeitsche in der Hand. Ihre schwarze Scham hob sich als sauber geschnittenes Dreieck weich und wollig von ihrer glänzenden Haut ab, und während man mich wieder präparierte, ließ sie sich lasziv auf den Rücken gleiten und öffnete ganz langsam die Beine. Ich versank heiß in ihr, doch als ich angekommen war, spannte sie ihren ganzen Körper an, umfing mich mit Ihren geschmeidigen Armen und wirbelte mich in einem wilden Tanz bis weit über meinen Höhepunkt hinaus. Dann fing sie leise an zu lachen und mit ihr lachten alle Frauen glücklich und belustigt, während sie mich noch weiter nach allen Regeln der Kunst sehr behutsam streichelten, liebkosten und verwöhnten. Das Letzte, woran ich mich erinnere, war die persönlich andersartige Beschaffenheit der Haut jeder einzelnen Frau und die leisen, unterschiedlichen Parfums, die sie trugen.

Am frühen Morgen erwachte ich vom hohen Pfeifen der Schwalben, immer noch vibrierend von dem Bild und Gefühl von Wärme, Nähe, Erotik und Geborgenheit. Und dem Bewusstsein, einmal nach allen Regeln der Kunst der Hahn im Korb gewesen zu sein. Ich machte mich schnell ausgehfertig, zog meine Lieblingskrawatte aus Tottnes, England an und verließ das Turmzimmer mit Mozarts Klavierkonzert Nummer 503, erster Satz, im Ohr. Im Eingangsbereich stand ein Tisch mit einem wunderschön vorbereiteten Frühstück für mich. Ich trank einen schwarzen Kaffee, aß ein Pain aux Cocolat und ein Croissant und nahm mir noch ein paar Früchte für die Fahrt mit. Als ich aufstand, sah ich den offenen Briefumschlag neben meinem Teller, in dem eine Rechnung steckte mit dem Vermerk „ Payé“. Mit einem Lächeln um die Lippen ging ich zum Daimler, glücklich und etwas melancholisch, dass ich nicht eine einzige der schönen Frauen mehr zu Gesicht bekommen hatte. Und außerdem irgendwie verunsichert, in was für eine Einrichtung ich da eigentlich geraten war…

Der Sechszylinder sprang seidenweich an und die Räder gaben auf dem Kies ein leichtes Klicken von sich, als ich den Wahlhebel auf D stellte. Mozart begleitete mich, als ich die Einfahrt verließ und die Fahrt Richtung Paris in der Morgensonne aufnahm. Tautröpfchen hingen bereits an den Außenspiegeln und kündigten den Herbst an. Und als ich noch einmal in den Rückspiegel schaute, um das schöne alte Haus hinter mir kleiner werden zu sehen, sah ich sie: 13 Kuss-Abdrücke aus unterschiedlichem Lippenstift auf der Heckscheibe des Daimler und darunter die Worte „Bonne Route“.


31/05/2017 Martin Mangold, Bocca di Magra, Italia


14. Milano

Weil der Flug mit Lufthansa von Frankfurt aus wegen schlechten Wetterbedingungen gestrichen wurde, buchte ich noch am Abend auf Ryan Air um, der einzigen Möglichkeit, Freitagmorgen zur Möbelmesse in Mailand zu sein. Um 4:30 rollte der Daimler zufrieden schnurrend auf die Autobahn und meine Fahrt durch den stürmischen, verregneten Morgen wurde begleitet von Sades Diamond Life. Die Strecke von Witten nach Frankfurt Hahn zog sich wie ein Kaugummi und als ich endlich um 7:30 in der Abflughalle des im Nirgendwo gelegenen ehemaligen Militärflughafen stand, und im dunkelblauen Dreiteiler einen Espresso leerte, staunte ich nicht schlecht, welche Art Fluggäste mit dem 8:00 Flieger von Ryan Air nach Bergamo fliegen. Als ich mich gerade über einen fast volltrunkenen Jugendlichen in Jogging-Anzug ärgern wollte, piepste mein Nokia. Dana, eine befreundete Designerin aus Tel Aviv, die ich damals im Cotton Club in Paris kennen gelernt hatte, war auch in Mailand und fragte an, ob wir uns auf der Messe nicht sehen wollten.

Meine Laune änderte sich schlagartig, denn mit Aussicht auf ein dermaßen schönes Wiedersehen konnte mir die laute, unangenehme, übel riechende Umwelt der nächsten Stunden nichts mehr anhaben. Ich quetschte mich ins enge Flugzeug, kaufte mir zum Frühstück ein mieses Croissant bei einer schlecht gelaunten Stewardess und ließ mich nach der Landung direkt mit der restlichen Meute in einen Bus treiben, der uns nach Mailand brachte. Am Omnibusbahnhof winkte ich mir die Erlösung in Form eines Mercedes-Taxis direkt heran und gab dem Fahrer die Adresse: Corso Sempione 91, Enterprise Hotel. Ich hatte hier kurzfristig noch ein Zimmer bekommen und wollte mich vor dem anstrengenden Tag noch etwas frisch machen. Die typisch italienische Fahrweise des Taxifahrers ohne Blinker und mit möglichst wenig Bremsen trieb meine Laune weiter nach oben, so dass ich beim Einchequen im Hotel leise vor mich hin summte. Eine heiße Dusche und eine schnelle Rasur stellten mich wieder vollkommen her und ich betrat die Lobby 25 Minuten später wieder voller Energie und mit frisch polierten dunkelbraunen Schuhen.

Dana stand bereits an der Bar und war mit Ihrem Smartphone beschäftigt. Sie war groß. Sehr schön und nicht umsonst einmal Miss Israel gewesen. Als sie mich bemerkte, lief ein Strahlen über ihr Gesicht und wir umarmten uns herzlich. Wie lange hatten wir uns nicht gesehen! Auf dem Flug hatte ich ihr noch eine Zusammenstellung meiner neuesten Errungenschaften kopiert, der „Chansons du ciecle“, einer melancholisch-rockigen Zusammenstellung französischer Lieder der letzten 70 Jahre. Wir besprachen kurz die wichtigsten Steps des Tages: Natürlich Messe, dann ein kurzer Mittagsstop in einem Sushiladen, ein Abstecher zu Ferrari, Rückweg über Scala und Messe und Abendessen in einem kleinen marokkanischen Restaurant am Corso Sempione. Als Hinweg zur Messe wählten wir einen langgezogenen Park, in dem die Mandelbäume blühten und exotische Vögel auf den Bäumen saßen. Es roch nach Frühling und das Gezwitscher der Vögel war fast ohrenbetäubend. Dana stöpselte meine Musikzusammentellung an ihr Smartphone und zu Edith Piafs „ La vie en Rose“ überquerten wir eine japanische Brücke, an der neugierig ein Haufen Schwäne zusammenschwammen, um den fremden Klängen zu lauschen. Beim nächsten Lied blieb Dana wie angewurzelt stehen, fing fein an zu lächeln, nahm mich bei der Hand und tanzte mit mir zur Verwunderung der Schwäne laut mitsingend unter der Krone einer blühenden japanischen Kirsche. „You know, that I did the background chorus for this song“, meinte sie zwischen zwei Strophen und wiegte sich überglücklich. Wie es der Zufall oder das Schicksal gewollt hatte, hatte ich genau dieses Lied mit ausgesucht, was für Sie so eine große Bedeutung hatte. Bezaubert von dem magischen Moment unter dem blühenden Baum in Milano machten wir ein Photo von uns, zwei erfolgreichen, international ausgerichteten, zuweilen sehr anders denkenden Jungdesignern in der Blüte ihres Lebens.
Die unterschiedlichen, in den Gassen der Altstadt aufgebauten Messestationen passierten wir flott, da wir die meisten Exponate bereits aus unserer täglichen Arbeit kannten. Auffallend war aber die Tatsache, dass die Möbelindustrie Kuhfell in seinen unterschiedlichen Einsatzformen entdeckt hatte. Ob als rustikal bezogene Stehlampe, Bettvorleger oder Pink eingefärbt als Vase. „Design meets Nature“ hatte einen neuen Ausdruck gefunden.

In einem Rennaissance-Palais der Innenstadt kannte Dana einen der besten Sushi-Läden von Mailand, einen absoluten Geheimtipp. Zu coolen Barklängen von Stan Getz setzten wir uns an die gläserne Theke und bestellten vor allem Fisch, der hier einzigartig schmeckte. Und zur Verwunderung der Bedienung meinte ich „et un Aperol con ghiacchio et di olive verde per me, per favore“. In den Achtzigern hatte ich Aperol in Verona als leichten Sommeraperitif kennen gelernt, er hatte sich aber wohl immer noch nicht recht bis nach Milano verbreitet. Die Kellnerin fragte nach, bestätigte mir dann aber mit einem Nicken, dass mein Aperitif verfügbar war. Wunderschön auf Schieferplatten angerichtet kam unser Menu und wir genossen bei weit geöffneten Fensterflügeln, lauer Luft und zeitlosen Klängen das feine Essen und den besonderen Moment im pulsierenden Zentrum des europäischen Designs.

Der anschließende Abstecher zum Flagshipstore von Ferrari war ein Muss, denn meine neueste Errungenschaft in Deutschland war ein silbergrauer Ferrari 250 GTE 2+2, den ich auch gerne als Modell haben wollte. Ich war tief beeindruckt von der Bandbreite der Ferrari-Produkte. Von der rot-gelben Kaffeetasse über den passenden Schlüsselanhänger bis hin zum liebevoll gestalteten Buch über die Baureihe 250 gab es einfach alles; nur leider kein Modell meines Fahrzeuges in Silbergrau. So kaufte ich denn meinen Liebling, der in Witten im Original in einer Garage stand, in Ferrari-Rot und das Buch über die 250er Serie. Nach erfolgreichem Autostreifzug ging es nun noch einmal durch die diversen Ausstellungen. Ich machte mir die eine oder andere Skizze in meinem Moleskine- Büchlein, aber nach dem 100-sten Eames Chair in Felloptik fanden wir es dann doch beide etwas zäh.

So machten wir Halt an einem Café direkt neben der Scala, ganz in schwarz und weiß gehalten, sehr cool, mit viel Chrom. Auf stylischen Fellhokern ruhten wir bei einem Espresso einen Moment lang unsere müden Beine aus und schauten den Menschenströmen von interessanten und außergewöhnlich gekleideten Personen eine Weile zu. Als ich nach dem Bezahlen die Quittung, welche in Italien ja zwingend eine Weile aufgehoben werden muss, studierte, bemerkte ich, dass wir im Café Armani gewesen waren. Ein passender Zufall, denn ich hatte einige Jahre zuvor im Armani-Anzug für Hennessy in einer Kinowerbung gespielt, und schätze die Marke immer noch sehr.

Gut gelaunt und wieder ausgeruht setzten wir uns danach noch eine Weile auf einen großen Steinring um einen Springbrunnen neben der Scala, der Passanten zum Verweilen einlädt, und streckten uns in der warmen Nachmittagssonne auf den warmen Steinen, immer wieder angenehm durchschauert von feinem Wassernebel, den der Wind in unsere Richtung blies. bevor wir uns wieder ins Getümmel stürzten, allerdings schon in Richtung Heimweg. An einer backsteinernen Festung am Beginn des Corso Sempione machten wir noch einmal Halt und diskutierten das Gesehene und die sich daraus ergebenden Neuerungen und Veränderungen.

Im Hotel wieder angekommen duschte ich noch einmal ausgiebig, um den Staub und die Hitze des Tages hinter mir zu lassen. Ich stieg auf einen hellgrauen, leichten Dreiteiler mit dezenter Harley-Davidson Krawatte um und traf Dana wieder in der Lobby in einem feinen weißen Sommerkleid. Der Weg zum Restaurant war kurz und wir ließen uns auf runden Lederkissen nieder, bestellten frischen Pfefferminztee und fassten den Tag noch einmal zusammen. Zu den Klängen von Khaled kam das Hauptgericht, eine Tajine mit Couscous, Krabben und Fenchel. Die typisch marokkanischen Lampen warfen ihre feinen Muster bereits an die Wände der Räume, als wir uns spät abends wieder zum Hotel aufmachten. Wir hatten nicht nur den Tag Revue passieren lassen, berufliche und private Dinge ausgetauscht und neue Ideen entwickelt, sondern uns auch gegenseitig etwas Sprachunterricht in der jeweiligen Muttersprache erteilt. Und seither weiß ich, was Boker Tov, Mazel Tov und Layla Tov bedeutet.

Nach einer innigen Verabschiedung am nächsten Morgen bei strahlendem Sonnenschein ging es für mich zurück nach Deutschland. Der Rückflug mit Ryan Air war noch schrecklicher, als der Hinflug und bei der Landung goss es in Bindfäden. Völlig durchnässt stieg ich in den Daimler. Gott sei Dank hatte ich meine Gentlemans Box dabei, die neben Krawatte, Manschettenknöpfen und Einstecktuch auch ein weiches Handtuch beinhaltete. Immerhin die Haare wurden so wieder trocken und zu den Klängen von „The girl from Ipanima“ steuerte ich die schwere Reiselimousine durch das unterirdische Wetter zurück auf die Straße nach Witten. Bilder eines einzigartigen Tages in Milano, mit Dana, bei Ferrari, vor der Scala, im Sonnenschein spiegelten sich noch lange genießerisch in meinem Kopf.

Heute steht der kleine rote Ferrari in der Garage unseres Rolls Royce Silver Cloud 1 auf einem kleinen Podest. Die beiden haben sich angefreundet. Und das Buch zählt zur Lieblingsliteratur meines Sohnes Neo. Ich habe meine Designerkarriere letztes Jahr beendet und kümmere mich heute hauptberuflich um Neo, meine Familie, unseren Familiensitz, Häuser und Oldtimer. Der Daimler ist auch dabei und schnurrt noch wie ein Kätzchen. Nur zu einem Eames-Chair in Kuhfell-Optik habe ich es noch nicht gebracht.

Dana ist im Bereich Design weiterhin in Israel, USA, Frankreich und Italien erfolgreich tätig.


1/06/2017 Bocca di Magra, Italia